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Corinna im Gespräch mit Bürgerinnen im Rahmen eines Aktionstags, ein Beispiel für niedrigschwellige Pressearbeit

Pressearbeit im Zeichen der Entstigmatisierung – Corinna erzählt von einer Interviewerfahrung

Corinna ist 2019 das erste Mal bei einer MUT-TOUR Tandem-Etappe dabei gewesen. Im Rahmen ihrer Etappen-Teilnahme nahm sie bereits an mehreren Interviews mit Journalisten teil, die dann als Print- sowie TV-Beitrag veröffentlicht wurden. Dabei sprach sie offen über ihre persönlichen Erfahrungen mit depressiven Phasen. Derzeit unterstützt uns Corinna auch ehrenamtlich bei unseren telefonischen Kennenlerngesprächen, bei denen Neuinteressierte Fragen rund um das Projekt und den Etappen-Alltag klären können.

Corinna im Gespräch mit Bürgerinnen im Rahmen eines Aktionstags, ein Beispiel für niedrigschwellige Pressearbeit

Neben Interviews mit Journalisten kommen wir auch immer wieder am Wegesrand mit verschiedenen Menschen zu unseren Erfahrungen mit psychischen Krisen in Kontakt. Dabei ergeben sich manchmal sehr ehrliche und tiefgründige Gespräche.

Du wurdest Ende letzten Jahres von dem Zeit-Magazin zu Deinen Erfahrungen mit Depressionen interviewt, magst Du erzählen, wie es dazu gekommen ist?

Irgendwann im Oktober rief Sebastian aus der MUT-TOUR Projektleitung mich an mit den Worten: „Ich habe mal ein paar Fragen an dich. Wunder dich nicht, wenn sie dir komisch vorkommen, ich erkläre es dir hinterher.“ Was genau er gefragt hat, weiß ich nicht mehr im Detail, aber es ging im Wesentlichen darum, was Corona für mich in Bezug auf die Depressionen und meine aktuelle psychische Krise schwerer gemacht hat. Vor allem hatte er in Erinnerung, dass meine stationäre Therapie irgendwie problematisch war. Hinterher hat er mir dann erzählt, dass Die Zeit in der Kolumne Ich brauche eine Rettung im Magazin wohl jemanden zum Thema psychische Gesundheit suchte und bei der Projektleitung angefragt hatte.

Sebastian wollte der Redakteurin mehrere Personen mit ihren Geschichten vorstellen, darunter auch mich. Ich konnte es mir vorstellen, dazu ein Interview zu führen. Tatsächlich war die Redakteurin dann an  meiner Geschichte interessiert. Meine Kontaktdaten gingen in Absprache mit mir “auf die Reise” und wenige Tage später rief die zuständige Redakteurin an. Sie wollte von mir nochmal meine Geschichte in Kurzfassung hören und hatte ein paar Fragen. Letztendlich hat aber eine Journalistin einige Zeit später das eigentliche Interview mit mir am Telefon geführt.

Hier findest Du das Interview mit Corinna im Zeit Online Magazin – „Gegen diese Krankheit zu kämpfen ist sehr kräftezehrend“.

Wie kam es zu deinem Wunsch, Deine Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen öffentlich teilen zu wollen? Gab es dafür ein Schlüsselereignis?

Ein Schlüsselerlebnis gab es nicht wirklich. Ich bin eigentlich schon immer recht offen mit meiner Erkrankung umgegangen, da ich den zusätzlichen Stress durch Verschweigen nicht aushalten wollte. Ich bin zudem in der luxuriösen Position, einen recht sicheren Job im öffentlichen Dienst zu haben, einen tollen Ehemann und insgesamt ein stabiles und belastbares Netz von Freunden. Daher fällt es mir einigermaßen leicht, auch richtig in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich überlege mir das jedoch auch immer mal wieder genau, ob ich das in genau dieser Situation jetzt auch will.

Welche Gedanken und Gefühle hattest Du, nachdem Du dem Interview zugestimmt hattest?

Das war für mich eher unspektakulär. Ich habe mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht. Erst, als das Interview veröffentlicht war, kam Nervosität in mir hoch.

 

Wie hast Du das Interview empfunden und wie erging es Dir nach der Veröffentlichung?

Das Interview war sehr angenehm. Es war zu spüren, dass die Journalistin sich ein wenig in das Thema eingedacht hatte. Sie hatte sich vorbereitet mit vielen Fragen, hat mich aber auch viel erzählen lassen. Insgesamt hat das Gespräch fast zwei Stunden gedauert, was dann doch ganz schön geschlaucht hat. Ich habe zum Ende hin häufig den Faden verloren, weil meine Konzentration nachließ. Da war ich doch ganz froh, dass ich das nicht zu Papier bringen musste. Gut fand ich auch, dass von vornherein klar war, dass nichts veröffentlicht wird, was ich nicht abgesegnet habe. So hatte sich in der ersten Fassung des Textes dann auch ein Fehler eingeschlichen, der einen Aspekt komplett falsch darstellte. Das wurde aber auf meine Bitte hin durch die Journalistin vor der Veröffentlichung korrigiert.

Als ich Anfang Dezember an einem Mittwochabend den Artikel online das erste Mal sah, war ich urplötzlich dann doch unglaublich nervös. In dem Moment ist mir klar geworden, dass Die Zeit ein anderes Kaliber als eine beliebige Lokalzeitung ist. Eine gute Freundin, die Journalistin ist, hat mich zu allem Überfluss noch mit Zahlen zur durchschnittlichen Printauflage versorgt, was das nicht besser gemacht hat. Mir wurde schlagartig klar, dass das richtig weit reicht und ich mit dem Interview verdammt viele Menschen erreichen kann. Ich war aufgeregt, aber auch ein bisschen stolz.

In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung gab es viele Reaktionen. Sowohl die aus meinem Umfeld als auch die völlig fremder Menschen (über die Kommentarfunktion auf zeit.de) waren durchweg positiv und wohlwollend. Gerade bei denen wildfremder Menschen hätte ja auch ganz was anderes dabei sein können, aber das ist nicht passiert. Das hat mich sehr erleichtert und tut bis heute gut.

Corinna im Interview mit Journalisten während einer Tandem-Etappe 2019

Corinna zusammen mit einem MUT-TOUR Teammitglied während eines Pressetermins – „Ich bin eigentlich schon immer recht offen mit meiner Erkrankung umgegangen, da ich den zusätzlichen Stress durch Verschweigen nicht aushalten wollte.“

Welche Themen möchtest Du besonders in der öffentlichen Diskussion um psychische Erkrankungen anregen? Und warum?

Mir ist besonders wichtig, dass deutlich wird, dass psychische Erkrankungen keine Schwächen sind. Sie sind genauso Erkrankungen, die behandelt werden müssen, was Zeit braucht, wie eine Erkältung oder ein Knochenbruch. Und dafür muss sich niemand schämen!

Wenn ich als Erkrankte das Gefühl habe, ich muss das verheimlichen, weil ich sonst „abgestempelt“ oder in meinem Leid nicht ernst genommen werde, dann befeuert das unter Umständen nur meine Symptomatik und verlangsamt eine Genesung oder macht sie womöglich unmöglich. Das darf nicht sein!

Was möchtest Du ansonsten den Lesenden noch mitgeben?

Respektiert, dass Depressionen eine Erkrankung sind und kein Vorwand – egal, ob ihr selber betroffen seid oder euer Gegenüber!