Blog

Weizenfeld mit blauen Himmel

Mein Weg aus der Depression

Lydia war 2019 das erste Mal bei einer Tandem-Etappen 7 Tage von Bonn nach Osnabrück unterwegs. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen mit einer depressiven Phase und wie sie durch Behandlung wieder zurück in ihren gewohnten Alltag fand. An den Stellen, wo auf konkrete Behandlungsarten eingegangen wird, ist uns wichtig zu erwähnen, dass es sich hier um den persönlichen Weg von Lydia handelt. Demnach sind bestimmte Medikamente oder die Einweisung in eine Klinik nicht für jede Person passend.

Vor einigen Jahren war ich an einer schweren Depression erkrankt. Genau zu einer Zeit, in der ich mich intensiv mit dem Thema Glück beschäftigte. Aber ich will nicht vorgreifen. Also der Reihe nach.

Damals war ich Anfang 50 und arbeitete als Erzieherin in einer Kriseneinrichtung. Dort betreute ich Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen. Die Arbeit mit den Kindern machte mir viel Freude, brachte mich aber auch oft an meine Grenzen. Der Schichtdienst, die ständigen Krankenvertretungen und Anrufe in der Freizeit waren sehr zermürbend. Oft überlegte ich alles hinzuschmeißen. Aber ich habe es dann doch nie getan, weil mir der Umgang mit den Kindern viel Spaß machte.

Immer wieder machte ich mir Gedanken, wie man Kinder besser stärken und sie im Umgang mit schwierigen Lebenssituationen mehr unterstützen kann. Gerade die Kinder, die ich betreue, haben wenig Selbstwertgefühl und kaum Selbstvertrauen. 

Dann fiel mir ein Flyer über eine Weiterbildung „Schulfach Glück“ in die Hand. Das erregte sofort mein Interesse. In dieser Weiterbildung geht es darum, seine Stärken und Fähigkeiten zu entwickeln, das eigene Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit zu stärken. Durch viele Methoden erfährt man am eigenen Leib, was man alles tun kann, um ein glückliches und gelingendes Leben zu führen. Und natürlich auch, wie man das Erlernte an andere weitergeben kann.

Auf viel Glück folgten negative Gedankenspiralen

Keine Frage, ich meldete mich sofort an und einige Monate später ging’s los. Ich war jedes Mal total beseelt, wenn ich von der Weiterbildung kam, und dachte mir, ich muss das gleich alles umsetzen, was ich gelernt hatte. Das gelang mir aber nicht so und machte mir zunehmend zu schaffen. Die anderen Teilnehmer*innen erzählten immer von ihren Erfolgen und was sie schon für tolle Projekte planten. Nach und nach setzte ich mich immer mehr unter Druck, dass ich jetzt endlich auch mal was auf die Reihe kriegen müsse. Aber bei mir auf der Arbeit ging es richtig abwärts. Die Situation in meiner Gruppe war zu diesem Zeitpunkt sehr schwierig. Wir hatten viele sehr verhaltensauffällige Kinder und waren oft alleine im Dienst. Es kam zu Situationen, in denen ich mich total handlungsunfähig fühlte und hoffnungslos überfordert war. Ich konnte das aber nicht zugeben, weil ich meinte, ich müsste das doch alles alleine schaffen, als erfahrene Erzieherin. Gerade jetzt, wo ich doch so viel gelernt hatte, was ich im Umgang mit den Kindern alles besser machen könnte.

Die Abwärtsspirale nahm ihren Lauf. Mir ging es immer schlechter. Ich konnte nicht mehr abschalten. Die Gedanken kreisten nur noch um die Arbeit und ich hatte Angst vor jedem Dienst. Dadurch konnte ich dann auch nicht mehr schlafen. Mein Zustand verschlechterte sich zusehends. Ich wusste nicht was mit mir los war. Ich kannte das gar nicht von mir, dass ich nur negative Gedanken im Kopf hatte.

Auch für Freunde und Familie wurde mein Zustand langsam belastend. Alle gaben sich große Mühe für mich da zu sein, aber es fielen auch immer wieder Sätze wie, “reiß dich doch mal zusammen”, o.ä.

Mein Zustand verschlechterte sich immer weiter 

Ein Urlaub sollte es dann retten. Es war der schlimmste Urlaub meines Lebens, denn die Depression – langsam dämmerte mir, dass es sowas sein könnte – fuhr mit. Nach dem Urlaub tat ich was? Ich ging arbeiten. Und es kam, wie es kommen musste. Ich lief da rum wie ein Zombie. Selbst die kleinsten Tätigkeiten, wie z.B. Schulmaterialien raussuchen, überforderten mich total. Meine Kolleginnen sahen mich fassungslos an. Aber niemand konnte sich erklären, was mit mir los war. Am Morgen weckte ich die Kinder und wollte sie zur Schule schicken. Ein Mädchen verweigerte sich total. Sie schrie und strampelte und der Fahrdienst weigerte sich, sie mitzunehmen. An sich eine Sache, die in einer Kriseneinrichtung öfter vorkommt. Aber für mich war das der Supergau, es folgten Gedanken wie: “Ich habe es nicht geschafft, das Kind in die Schule zu schicken”, “ich bin unfähig”, “oh Gott, was denken meine Kolleginnen über mich?”. Solche Gedanken schossen mir ununterbrochen durch den Kopf. Ich zitterte am ganzen Körper und war am Ende. Eine Kollegin übernahm dann die Gruppe und ich ging nach Hause. Mir war klar, dass ich erstmal nicht arbeiten gehen konnte und zum Arzt musste. 

Ich dachte immer, wenn ich nur schlafen könnte, dann würde alles wieder gut werden. Mittlerweile schlief ich schon seit Wochen nicht mehr. Ich sackte höchstens mal so weg und schoss dann mit einem riesen Schreck wieder hoch. Wieder die ewigen Gedankenschleifen und Angst, Angst, Angst. Also schleppte ich mich irgendwie zu meiner Hausärztin und hatte Panik, dass sie mich nicht krankschreibt. Denn ich hatte ja nichts, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Ich erzählte von meinen Symptomen. Sie schrieb mich zwei Wochen krank, ohne mich überhaupt mal näher anzuschauen. 

In diesen zwei Wochen vegetierte ich, mehr oder weniger, so vor mich hin. Außer Angst und wahnsinnigen Schuldgefühlen bezüglich der Arbeit, fühlte ich nichts mehr. Das Haus verließ ich überhaupt nicht. Meine Familie versuchte, mich zu unterstützen, wo es ging, und mich mal vor die Tür zu locken. Aber es ging nicht. In der Wohnung bewegte ich mich nur noch zwischen Bett, Sofa und Toilette hin und her. Gegessen habe ich fast gar nichts mehr, nur getrunken. Mehr oder weniger aus Pflichtgefühl, nicht weil ich Durst hatte. Ich habe die ganze Zeit an den Fingernägeln gekaut und eine nach der anderen geraucht.

Wie der Weg meiner Behandlung begann

Nach 2 Wochen ging ich wieder zu meiner Hausärztin. Ich hatte die absolute Panik, überhaupt aus dem Haus zu gehen, habe es aber irgendwie geschafft. Meine Ärztin begrüßte mich mit dem Satz: ,,Na, was kann ich denn heute für sie tun”?

Im Normalfall wäre ich ihr an den Hals gesprungen, aber so saß ich nur da und sagte kleinlaut, dass es mir nicht wesentlich besser geht. Sie schrieb mich dann nochmal zwei Wochen krank. Ich solle mir einen Psychotherapeuten suchen, sonst könne sie nichts mehr für mich tun. Keine Ratschläge, keine Adressen, nichts. Ich war völlig verzweifelt, wusste nicht, an wen mich wenden sollte. Ich hatte auch gar keine Kraft, mich selbst darum zu kümmern. Meine Schwester ist dann mit mir ins Krankenhaus zu einer Psychotherapeutin gefahren, besser gesagt, sie hat mich fast dorthin geschliffen. 

Ich habe dann wieder erzählt, wie es mir geht. Sie schlug mir eine Psychologin vor und schrieb mich weiter krank. Ich war zweimal bei der Psychologin und fühlte mich dort irgendwie verarscht. Sie stellte mir Fragen wie: “Welche Farbe haben ihre Gedanken”? In mir schrie es nur: ”schwarz, schwarz, schwarz”! Ich sagte aber nichts. Sie dann: ”Sehen Sie, jetzt ist ihr Gehirn irritiert”. Tja, damit konnte ich gar nichts anfangen.

Mittlerweile ging es mir immer schlechter. Ich hatte fast 10 Kilo abgenommen und wünschte mir manchmal, dass ich einschlafen und nicht mehr aufwachen würde. Aber an Schlaf war ja nicht zu denken. Nur manchmal, höchstens eine halbe Stunde, schlief ich. Und dann träumte ich von meinem Leben vor der Depression. Das Aufwachen war der Horror. Ich dachte, ich würde mich für den Rest meines Lebens so fühlen. Und wenn es mir mal wieder besser gehen sollte, würde ich mir ewig Vorwürfe machen, dass ich so viel Lebenszeit sinnlos vergeudet habe.

Lydia mit Biene auf dem Finger

Lydia mit einer Honigbiene auf dem Finger während einer Tandem-Etappe 2019

Der Besuch einer Tagesklinik brachte erste Besserungen meiner Symptome

Beim nächsten Termin bei der Psychiaterin saß ich wieder wie ein Häufchen Elend vor ihr. Ich fragte sie nach Medikamenten, ob sie mir nicht welche verschreiben könne. Sie war sehr zögerlich, verschrieb mir dann aber Sertralin, 25 mg. Anfangs hatte ich einige Nebenwirkungen. Mein Herz schien manchmal aus der Brust springen zu wollen. Ich dachte, irgendwann bekomme ich einen Infarkt und dann ist es eben aus. Nach zwei Wochen ging ich wieder hin. Ich fühlte mich noch genauso elend. Sie erhöhte die Dosis auf 50mg. Dann legte sie mir noch ans Herz, mich in die Klinik einweisen zu lassen. Diese Vorstellung war für mich der absolute Horror. Aber da auch meine Familie mich diesbezüglich unter Druck setzte, willigte ich ein.

Weizenfeld mit blauen Himmel

„Für mich macht es einen riesigen Unterschied, ob ich Natur „nur“ ansehe oder spüre, wie sich die Steigung eines Berges anfühlt; oder das Wassers eines Flusses.“

Am nächsten Tag begleitete mich meine Schwester in die Klinik. Wir mussten 8 Stunden in der Notaufnahme sitzen. Dann kam ich zu irgendeinem Arzt. Der stellte mir ein paar Fragen und diagnostizierte ein schwere Depression. Da ich aber keine Suizidgedanken äußerte, schätze er ein, dass ein stationärer Aufenthalt nicht notwendig war. Eine Tagesklinik wäre für mich das richtige. Ich war so erleichtert, dass ich kurz aus meiner Lethargie erwachte und es mir für kurze Zeit etwas besser ging und ich sogar etwas essen konnte.

Ein paar Tage später gingen wir zum Tag der offenen Tür, in die Tagesklinik. Da saß ich nun. Vor kurzem saß ich noch in einer Runde von zukünftigen “Glückslehrer*innen” und jetzt hier im Kreise von lauter Menschen mit Depressionserfahrung. Das war schon surreal. Jeder erzählte kurz seine Geschichte. Ich merkte, dass die meisten schon seit Jahren mit ihrer Depression zu kämpfen hatten und z.T. mehrmals in Kliniken waren. Oh man, das machte mir wahnsinnige Angst. Am Ende der Infoveranstaltung stellte sich heraus, dass die Wartezeit, um einen Platz zu bekommen, mehrere Monate dauern kann. Tja, für mich war das dann erledigt. Meine Schwester ließ nicht locker. Sie zog mich hinter sich her und erkundigte sich, was es noch für Möglichkeiten gibt. Eine der Mitarbeiterinnen gab uns die Adresse einer Psychotherapeutin, die gerade ihre neue Praxis eröffnet hatte, und somit würden die Chancen gut stehen, schnell einen Termin zu bekommen.

Meine Schwester unterstütze mich auf weiteren Wegen

Als wir zu Hause waren, rief sie dort an und eine Woche später hatte ich einen Termin. Das war meine Rettung. Die Psychiaterin war die erste, die wirklich verstand, was mit mir los war. Ich erzählte ihr meine Geschichte und immer wieder sagte ich ihr, dass ich arbeiten gehen müsste, ich könne nicht noch länger zu Hause bleiben. Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich war mittlerweile übergroß und zog mich immer mehr runter. Die Psychiaterin schaute mich mitfühlend an und sagte: “Bevor sie hier nicht mit einem Lächeln reinkommen schreibe ich sie nicht gesund”.

Das erste Mal seit langem fühlte ich eine Art Erleichterung. Dadurch nahm sie mir ein bisschen meine Schuldgefühle. Außerdem erhöhte sie die Dosis Sertralin. Ich war ein bisschen verunsichert. Aber sie meinte, ich könne bedenkenlos bis zu 150mg nehmen. Da die Nebenwirkungen nachgelassen hatten und mir eh alles egal war, stimmte ich zu. Damit ich endlich schlafen konnte, verschrieb sie mir noch Medikament. Noch ein Antidepressivum. Naja, immer rein damit, dachte ich.

Die Schlafprobleme besserten sich 

Das war so Anfang November, glaube ich. Die ersten Symptome hatte ich im Juni. Also nahm ich brav meine Tabletten und tatsächlich, ich konnte wieder schlafen. Es ging mir immer noch sehr schlecht. Aber ich hatte schon lichte Momente, in denen ich dachte, ich müsste mal wieder zum Sport. Denn ich wusste, dass Bewegung helfen soll gegen Depressionen. Also packte ich meine Sporttasche, stellte sie in die Ecke und ging wieder ins Bett. Das sorgte wiederum für ein schlechtes Gewissen. “Schei… wieder nicht geschafft.” 

Termine zu vereinbaren, gab mir eine gewisse Struktur

Ich musste oft an das denken, was ich im Glückskurs gelernt hatte. Dort gab es die Metapher vom Reiter und Elefanten. Der Reiter ist der Verstand und der Elefant das Unterbewusstsein. Und wenn der Elefant nicht will, kann der Reiter nicht viel machen. Ausser, er kommt in die Gänge und überzeugt den Elefanten durch wiederholte Handlungen, bis es durch seine dicke Haut gedrungen ist. Also raffte ich mich eines Tages tatsächlich auf und ging ins Fitnessstudio. In der Zwischenzeit hatte ich mir auch eine CD bestellt mit Meditationen speziell gegen Depressionen. Diese konnte man auch so nebenbei anhören. Nun stand ich also auf dem Stepper, hörte die CD und dachte immer nur, was mache ich hier, was soll ich hier. Ich hatte das Gefühl, alle starren mich an und jeder sieht, was mit mir los ist. Ein ganz klein wenig tat es aber auch gut, mal wieder etwas anderes zu machen, als zwischen Bett, Sofa und Toilette hin und her zu wandeln. Bevor ich nach Hause ging, machte ich noch einen Termin beim Trainer, denn mein anerzogenes Pflichtgefühl sorgt dafür, dass ich los gehe, wenn ich einen Termin habe. Als ich zuhause war, war ich ein ganz klein wenig stolz, dass ich es geschafft hatte zum Sport zu gehen. Im Großen und Ganzen fühlte ich mich aber immer noch elend. Nur meine Familie bemerkte eine Verbesserung. Wenn wir telefonierten klang ich wohl schon besser. Durch den Termindruck, den ich mir bezüglich des Sports organisiert hatte, schaffte ich es wieder, 2x wöchentlich zum Sport zu gehen. 

Mein neuer Psychotherapeut stieß mich auf eine alte kreative Leidenschaft

Außerdem ging ich nun auch zur Psychotherapie. Auch bei der Suche nach einem Therapeuten hatte ich Glück. Ich fand schnell einen in meiner Nähe. Dieser hatte seine Praxis auch gerade neu eröffnet, so dass ich gleich einen Termin bekam. Ca. zwei Wochen vor Weihnachten saß ich bei ihm. Ich glaube, es war die vierte Sitzung. Ich fühlte mich immer noch sehr schlecht, obwohl ich ja mittlerweile schon wesentlich aktiver war. Im Gespräch fragte er mich, ob ich nicht irgendetwas Kreatives tun könnte. Mir fiel nichts ein. Ich hatte vor einigen Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Aber daran war nicht zu denken. Musik hören oder gar selbst spielen ging gar nicht. Auf dem Heimweg überlegte ich weiter. Was könnte ich Kreatives tun.

Dann fiel mir ein, dass ich früher leidenschaftlich gern strickte. Darauf hatte ich eigenartigerweise sofort Lust. Am nächsten Tag ging ich los, kaufte mir Wolle und fing an, Socken zu stricken. Diese Arbeit erforderte meine ganze Konzentration. Socken stricken ist ganz schön schwer. Ich konnte dabei endlich aufhören zu grübeln, und ich empfand seit Langem das erste Mal sowas wie Spaß.

Alles in allem ging es jetzt rasant aufwärts

Meine Lebensfreude kehrte allmählich zurück. Die Angst und die Schuldgefühle fielen nach und nach von mir ab. Und am Heiligen Abend saß ich mit meiner Familie glücklich unter dem Weihnachtsbaum. Alle empfanden eine große Erleichterung, dass ich aus dem tiefen Tal heraus war. Im Januar ging ich wieder zu meiner Ärztin. Sie schrieb mich weitere 6 Wochen krank. Dann könnten wir überlegen, ob ich wieder nach dem Hamburger Modell anfange zu arbeiten. 

Diese Zeit genoss ich in vollen Zügen. Ich war so überglücklich, dass ich wieder da war. Jeden Tag empfand ich als kleines Wunder. Mittlerweile weiss ich, dass nach jeder Depression eine sehr aktive Phase folgt, in der ich ein bisschen drüber bin. Aber es war eine herrliche Zeit, die ich nie vergessen werde. Ich fing wieder an, Gitarre zu spielen, und stellte fest, dass ich nichts verlernt hatte. Das gab mir noch mehr Auftrieb.

Auch die Weiterbildung, von der ich anfangs sprach, konnte ich wiederholen. Und endlich platzte auch bei mir der Knoten und ich begann, mein Potential nach und nach zu entfalten. Ich wurde immer offener und mutiger. Denn solche Fähigkeiten kann man wirklich trainieren. Das klingt für viele sicher unwahrscheinlich, aber ich habe es am eigenen Leib erfahren. Jetzt verglich ich mich auch nicht mehr mit den anderen Teilnehmer*innen. Ich tat das, was mir meine innere Stimme sagte, und schaute auf meinen Weg und nicht auf den der Anderen.

Kurz und gut. Ich tat viele Dinge die ich vorher nicht für möglich gehalten hatte, Dinge von denen ich immer dachte, ach das kann ich nicht, ach das geht doch nicht, wegen des Schichtdienstes oder, oder, oder.

So z.B. wurde ich, bei Recherchen zum Thema Depression, auf die MUT-TOUR aufmerksam. Mein Herz machte einen Hüpfer. Tolles Projekt, dachte ich. Da will ich unbedingt dabei sein. Vor zwei Jahren bin ich dann das erste Mal mitgefahren. Es war ein unvergessliches Abenteuer und hat mir riesigen Spass gemacht. (Im MUT-Fass Blog habe ich einen kleinen Artikel über meine Etappen-Erfahrung veröffentlicht )

Ich fand einen neuen Umgang mit Herausforderungen

Der Einstieg in meine Arbeit fiel mir auch relativ leicht. Die Situation dort war immer noch dieselbe. Heute kann ich aber besser mit den Herausforderungen umgehen und suche mir Hilfe, wenn es schwierig wird.

Mit der Dosis der Tabletten ging ich nach und nach runter. Das Medikament hatte ich bereits nach zwei Wochen langsam abgesetzt. Schlafen konnte ich wieder wie ein Murmeltier. Ich machte mir ein wenig Sorgen, dass ich ohne die Tabletten vielleicht wieder abrutsche. Aber das ist Gottseidank nicht passiert. Es gibt zwar öfter Tage, an denen es mir nicht so gut geht. Auch die ganze Sache mit Corona verunsicherte mich anfangs sehr und machte mir viel Angst, so dass ich auch wieder viele negative Gedanken im Kopf hatte und so ein drückendes Gefühl auf der Brust. Mittlerweile kann ich das ganz gut annehmen und versuche, nicht dagegen anzukämpfen. An solchen Tagen höre ich wieder vermehrt die CD, von der ich sprach, mache Yoga oder gehe spazieren. Auch achte ich sehr darauf, was ich so an Medien konsumiere. So z. B. schaue ich mir kaum noch Nachrichten, Krimis oder ähnliches an. Das zieht mich alles zu sehr runter. Lieber beschäftige ich mich mit den schönen Dingen des Lebens. Das hilft mir, in Balance zu bleiben.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich wahnsinniges Glück hatte, dass ich meine Depression so schnell überwinden konnte. Auch das die Medikamente bei mir so gut angeschlagen haben. Ich weiss, dass viele jahrelang damit zu kämpfen haben und auch bei vielen die Medikamente nicht wirken. Aber vielleicht macht meine Geschichte einigen Menschen doch ein bisschen Hoffnung und Mut.