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Medizinbälle als Sinnbild für eine gefühlte Schwere, die während einer Depression spürbar sein kann

Hilfe bei Depressionen: Psychiatrische Versorgung

Corinna berichtet von ihrer Erfahrung mit dem Angebot der Ambulanten Psychiatrischen Pflege (APP)

Ich habe im letzten Jahr (2020) einiges dazugelernt, was die psychiatrische Versorgung in Deutschland so hergibt. Eine Sache, die für mich neu war, ist die Ambulante Psychiatrische Pflege. Ich hatte den Begriff zwar vor vielen Jahren schon einmal gehört, genauer gesagt 2012 in einer Reha, wo eine Mitpatientin in dem Bereich arbeitete, wusste aber ansonsten nicht so viel darüber. Vor allem dachte ich, wie so oft, dass ich ja sowieso gar nicht “krank genug” dafür bin. Dass ich seit Ende 2019 wegen einer schweren depressiven Episode mit Suizidgedanken arbeitsunfähig bin, habe ich dabei völlig ausgeblendet.

Inzwischen weiß ich auch, dass es vielen so, wie mir, geht. Selbst unter den schon seit vielen Jahren von Depressionen betroffenen Menschen ist dieser Teil der Versorgung in Deutschland nur wenig bekannt. Deswegen erzähle ich euch etwas darüber.

Offiziell heißt das Ganze „psychiatrische häusliche Krankenpflege“, kurz pHKP. Der Begriff „Ambulante Psychiatrische Pflege“ (APP) ist aber im allgemeinen Sprachgebrauch geläufiger. Eingeführt wurde diese besondere Art der häuslichen Krankenpflege im Jahr 2005 auf Grundlage von § 37 SGB V. Die wirklichen Wurzeln liegen aber wohl in der Psychiatriereform der 1970er und 1980er, als die meisten Langzeitpsychiatrien aufgelöst und die Betroffenen verstärkt in die ambulante Behandlung überführt worden sind. Die APP ist dabei ein wichtiger Baustein, um z.B. Klinikaufenthalte zu verkürzen oder gar ganz zu vermeiden. Sie ist eine aufsuchende, bedarfsorientierte Unterstützung durch speziell ausgebildete Fachpflegekräfte eines ambulanten Pflegedienstes.

Wie kann ich die ambulante psychiatrische Pflege in Anspruch nehmen?

Die APP kann durch einen Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie u. ä. oder (neu seit 2021) auch von psychologischen Psychotherapeuten für bis zu vier Monate verordnet werden, wenn diese einen Unterstützungsbedarf sehen. Hausärzte dürfen für einen begrenzten Zeitraum von sechs Wochen ebenfalls eine APP verordnen, sofern eine fachärztliche Diagnose vorliegt, um z. B. eine Wartezeit auf einen Facharzttermin nach einem Klinikaufenthalt zu überbrücken. Der Anspruch ist auf bestimmte psychiatrische Diagnosen beschränkt (u. a. Depressionen, Zwangsstörungen, Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Psychosen, Demenz). Voraussetzung ist auch, dass der Betroffene in der Lage ist, die Hilfe anzunehmen und an der Verbesserung seiner Symptomatik mitzuarbeiten.

Spinnennetz als Sinnbild für ein Unterstützungssystem innerhalb einer psychischen Krise

Unterstützungssysteme können, wie das Beispiel der APP, ganz individuell ausfallen. Es lohnt sich Alternativen auszuprobieren, um die, für sich selbst passende Behandlungsart zu finden.

Ansprechpartner*innen für APP ist der (Fach-)Arzt oder Psychotherapeut*in, ggf. auch das Entlassungsmanagement einer Klinik.

Medizinbälle als Sinnbild für eine gefühlte Schwere, die während einer Depression spürbar sein kann

Die Kraft reicht nicht immer um Medizinbälle zu bewegen, doch mit Hilfe von Anderen oder dem Anheben eines Balls mit geringerem Gewicht kannt es schon eher klappen. Auch kann die Schwere von Medizinbällen ein gutes Sinnbild für einige depressive Symptome darstellen.

Wie gestaltet sich die Behandlung?

Die Anzahl und Länge der Besuche kann individuell vereinbart werden. Grundsätzlich können bis zu 14 Einheiten (á 45 Minuten) pro Woche verordnet werden. Die Frequenz ist allerdings teilweise im Verlauf der Versorgung abnehmend und die maximale Frequenz muss nicht ausgeschöpft werden. Zu Beginn wird ein Behandlungsplan erarbeitet. Darin kann z. B. aufgenommen werden, dass und wie an einer spezifischen Angst- oder Zwangssymptomatik gearbeitet wird. Auch eine Tagesstruktur kann erarbeitet werden oder es kann eine Medikamentenumstellung begleitet werden.

Was in der Betreuung des Betroffenen durchgeführt wird, ist immer individuell abgestimmt. Bei mir sind es vorwiegend Gespräche zur Stabilisierung und Krisenintervention gewesen. Auch konnte ich mithilfe der APP eine Medikamentenumstellung erfolgreich durchführen, die ich mir ambulant alleine nach schlechten Erfahrungen nicht mehr zugetraut hatte. Wir haben an der Tagesstruktur gearbeitet, gemeinsam Therapeutenlisten abtelefoniert und sind manchmal auch einfach „nur“ spazieren gegangen. In der Regel bieten die Pflegedienste auch eine Rufbereitschaft an, die Tag und Nacht erreichbar ist.

Meine Bezugspflegekraft hat in der Zeit eine vertrauensvolle Beziehung zu mir aufgebaut. Sie konnte immer gut unterscheiden, ob meine Antriebslosigkeit von der Erkrankung kam oder ob ich einfach nur „den Arsch nicht hoch bekommen“ habe. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie, während sie bei mir war, auf die Uhr gesehen hat. In der Regel war sie ca. 1,5 Stunden da. Wenn es mir aber besonders schlecht ging oder ich gerade einen emotionalen Zusammenbruch hatte, dann war sie auch länger bei mir – eben so lange, wie ich ihre Begleitung benötigte. Was ich nicht brauchte, waren Unterstützung beim Einkaufen oder bei Arztbesuchen oder auch bei der Haushaltsführung. Aber auch dafür wäre sie da gewesen.

Für mich war die ambulante psychiatrische Pflege eine hilfreiche Alternative im Zuge der Behandlung meiner Depression

Mir hat die APP letztes Jahr sehr geholfen. Bedingt durch die Covid19-Pandemie wurde meine stationäre Therapie im März kurzfristig abgebrochen und ich stand in leicht desolaten Zustand mit angefangenen, aber nicht abgeschlossenen Therapiethemen alleine daheim. Da kam die Verordnung der APP genau richtig und hat mir geholfen, überhaupt erstmal wieder Fuß zu fassen und auch mit dem durch die Pandemie und den ersten Lockdown völlig veränderten Alltag klar zu kommen.

Nach einer erneuten stationären Therapie im Sommer konnte ich dann erneut glücklicherweise dieses Angebot nutzen. Die Klinik hat das sehr befürwortet und alles in die Wege geleitet. Zwar hat dieses Mal die Krankenkasse die Verordnung durch den Medizinischen Dienst (MdK) prüfen lassen, aber es kam zu einer Genehmigung. Inzwischen ist die APP zu Ende und sie hat mir deutlich aus der Krise geholfen.

Der Zugang zur APP ist also zum einen davon abhängig, dass ein Facharzt diese bei Bedarf verordnet, aber auch davon, dass es einen entsprechenden Pflegedienst in der Nähe gibt. Daran hapert es leider noch in einigen Regionen Deutschlands. Empfehlen kann ich aber jedem, der akut erkrankt ist, diese Art der Versorgung zumindest einmal auszuprobieren. Es lohnt sich, sich Hilfe zu suchen!