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Antoniya neben Tandem während MUT-TOUR 2019

Antoniya berichtet wie sie negativen Gedankenspiralen begegnet

Was sollen die LeserInnen sonst von Dir wissen?

Ich bin manchmal von der Schönheit dieser Welt einfach überwältigt. Die Seen, die Flüsse, die Bäume, die Felder, der Himmel… Wie wunderschön es einfach ist, hier zu sein.

Was waren deine ersten Erfahrungen mit der Depression? In welcher Lebenslage ist die Depression bei dir zum ersten Mal aufgetreten?

An einen andauernden Traurigkeitszustand und ein Gefühl von innerer Leere erinnere ich mich noch aus meiner Kindheit, aber erst mit fünfzehn Jahren hatte ich meine erste schwere depressive Episode. Den damaligen Zustand kann ich nur als „schwarz“ beschreiben: wie ein schwarzes Loch, das wächst und alles andere verschlingt. Ich fühlte mich von der Welt um mich herum getrennt. Alles kam mir wie Blödsinn vor; alles was die anderen machten oder worüber sie sprachen war ohne Bedeutung, ohne Sinn. Wenn ich jetzt daran denke, habe ich keine richtige Ahnung wie ich da rausgekommen bin. In dieser Zeit habe ich viel Lyrik geschrieben und auch an Wettbewerben teilgenommen, die mir ermöglichten zu reisen und andere Menschen kennenzulernen. Ich glaube dadurch kam die Hoffnung, es sind nicht alle so, wie in meiner Stadt, und ich werde mich nicht immer so missverstanden und „anders“ fühlen müssen.

Worin siehst du die Ursachen deiner Depressionserfahrung?

Ich sehe die Ursachen meiner Depressionserfahrung in einer fehlenden emotionalen Verbindung mit meinen Eltern sowie jahrelangem Mobbing in der Schule im jungen Alter. Bereits als Kind hatte ich zu Hause das Gefühl nicht geliebt und nicht gewollt zu sein. Ich erinnere mich noch, wie ich meiner Mutter öfters sagte „du liebst mich nicht“ – ich fühlte mich zu Hause einfach nicht gesehen. In der Schule wurde ich ständig ausgelacht und gemobbt, ich war einfach “anders” als alle anderen und wollte am liebsten von niemanden entdeckt werden. Daher sind meine Kindheitserinnerungen geprägt von dem Wunsch geliebt oder gemocht zu werden. Ich habe später im Leben versucht, durch Liebe und Selbstopferung den Bedürfnissen von anderen nachzugehen, damit sie mich mögen und wurde somit zur Anpassungskünstlerin. Jede Ablehnung war für mich dreifach so schwer, denn mein Gefühl war: Ich habe alles Mögliche getan, trotzdem wollen sie mich nicht.

Es wurde mir erst viel später klar – das war als ich mich in Deutschland zum ersten Mal mit meiner Depression richtig auseinandergesetzt hatte – dass mir meine zugrundeliegenden Glaubenssätze nicht guttun. Genaugenommen wurde mir klar: Wenn ich immer nur nach Nachweisen meiner eigenen Andersartigkeit, von Ablehnung, des Nicht-Wollens und Nichts-Liebens in Situationen und in dem Verhalten von Menschen suche, werde ich auch nur Beweise dafür finden. Dass diese Wahrnehmungen der Wahrheit entsprechen, bezweifle ich jedoch sehr.

Welche war deine größte Herausforderung in Bezug auf die Depression?

Mit den Schmerzen umzugehen. Ich wusste schon viel früher, dass ich sehr viele schmerzhafte Erfahrungen gesammelt habe, und hatte gehofft, diese einfach vergessen zu können und ein glückliches Leben unabhängig davon zu führen. Ich wollte glauben, dass es nur Sachen waren, die mir zwar passiert sind, die aber keine Bedeutung für mein späteres Leben haben müssen. Schließlich habe ich gemerkt, dass mein altes Trauma irgendwann bearbeitet werden muss, um aus den negativen Gedanken rauszukommen und um mein Verhalten ändern zu können. Und das tat und tut immer noch sehr weh.

Wie gehst du mit der Depression um, wenn sie erstmal da ist?

Ich versuche mich durch eine Routine  um mich selbst zu kümmern: mich regelmäßig so gesund es geht zu ernähren, Sport und Yoga zu machen, Achtsamkeit zu üben und mit Freunden zu reden, auch wenn ich keine Lust habe.
Ich neige dazu, in negative Gedankenspiralen zu fallen und zu denken, dass es alles sinnlos ist; dass ich es nicht wert bin, dass sich jemand um mich kümmert, denn es hat sich keiner je um mich gekümmert, warum soll ich es also tun und so weiter. Ich gehe sehr bewusst mit diesen Gedanken um, damit sie mich nicht unterkriegen. Ich weiß, dass das ein Gedankenmuster ist, das mir absolut nicht guttut, und ich versuche nicht daran zu denken, ob es stimmt oder nicht. Mein Gehirn sucht immer wieder nach Beweisen in den Erinnerungen, um sich von dem negativen Bild zu überzeugen. Nur um sagen zu können „ich wusste es; ich wusste, dass es nichts bringt Liebe und Unterstützung von anderen zu suchen, ich kann mich eben auf keinen verlassen“.

 

MUT-TOUR Teilnehmerin neben Tandem

Was können Freunde und Familie tun, um dir zu helfen?

Ich rede viel mit meiner Schwester und einigen Freunden über die Ursachen der Depression, über die falschen Gedanken- und Verhaltensmuster. Die Gespräche mit meiner Schwester helfen mir sehr, die Realität unserer Familie aus einer anderen Perspektive zu sehen und so die Sachen besser bearbeiten zu können. Freunde geben mir auch eine andere Perspektive, wenn es die Situationen und die Menschen betrifft und wie ich diese wahrnehme. Das ist in einer fremden Kultur extrem schwierig. Ich denke manchmal, alles was ich über Menschen und deren Verhalten weiß, habe ich in einer anderen Kultur gelernt. In Deutschland verstehe ich manchmal nicht, was das Verhalten anderer bedeutet – egal ob Unbekannte, Freunde oder Partner. Dann denke ich sofort „es muss mit mir zu tun haben, ich habe etwas Falsches getan, ich bin anders, ich habe mich „falsch“ verhalten, und so weiter“. Ich frage mich manchmal, ob die Bearbeitung meiner zugrundeliegenden Glaubenssätze durch das Leben in dieser für mich fremden Kultur nicht noch erschwert wird. 

Wie lautet dein “Lebensmotto” bzw. Fazit?

„Say what you mean, mean what you say” – sag was du meinst, meine was du sagst. Habe ich vor Jahren in einem Film gesehen. Ich versuche mein Leben so zu leben und meiner inneren Stimme zu folgen sowie meine Bedürfnisse nicht aus Angst oder Höflichkeit zu verstecken. So kann man sich leicht selbst verletzen und traumatisieren. Die eigene Wahrheit leben und mir treu bleiben – im Wissen, dass einige meiner Mitmenschen damit klarkommen werden.

Was möchtest du den Leserinnen noch mitgeben?

Reden. Man sollte lernen offen über sich zu reden. Ich kenne Leute, die Angst davor haben, abgelehnt zu werden, beurteilt zu werden, entweder beruflich oder privat. Ich hatte auch diese Angst, aber bevor ich mich geöffnet habe, hatte ich immer das Gefühl, eine andere Person zu sein, die überhaupt niemand wirklich kennt. Es war eine Art Selbstschutz: Wenn sie mich ablehnen, lehnen sie nicht wirklich mich ab, denn sie kennen mein eigentliches Ich nicht. Es fühlte sich aber irgendwann leer an, von Menschen umgeben zu sein, die mich als eine Person sehen, die ich in Wirklichkeit nicht bin.

Ja, es kann passieren, dass man mich beurteilt und stigmatisiert oder sogar ablehnt. Ich habe kein Bedürfnis solche Menschen um mich zu haben, egal ob „Freunde“, Kollegen oder Vorgesetzte. Wenn ich zu mir stehe, weiß ich, dass ich nicht weniger wert bin, weil ich mit Depression oder einer psychischen Störung “kämpfe oder gekämpft” habe. Nichts ist an mir „falsch“. Mit dieser Haltung kann ich mir auch die Menschen aussuchen, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Wir haben das riesige Glück in einer Zeit zu leben, in der wir nicht an einem Ort oder in einem Job gefangen sind oder in einer geschlossenen Gesellschaft als „andersartige“ Freunde oder Partner ohne Erfolg suchen müssen. Die Welt ist riesig und man kann Grenzen überschreiten, um sich und das dazu passende Umfeld zu finden.

Hier findest Du einen weiteren Blogbeitrag von Antoniya indem sie über die positive Wirkung des Boulderns spricht.