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Antoniya beim bouldern

Bouldern hat mein Leben gerettet von Antoniya aus Konstanz

Antoniya war bei der MUT-TOUR 2019 bei zwei Tandem-Etappen dabei und wollte auch in diesem Jahr wieder an den Start gehen. Zu der Zeit, während sie diesen Text verfasste, war an Lockerungen und Wiedereröffnungen von Boulderhallen noch nicht zu denken. Mittlerweile wurde bekanntgegeben, dass in Baden-Württemberg eine Wiedereröffnung nach Pfingsten geplant ist.

*Für alle die nichts mit dem Begriff bouldern anfangen können: Bouldern ist das Klettern ohne Kletterseil und Klettergurt an Felsblöcken, Felswänden oder an künstlichen Kletterwänden in Absprunghöhe.

 

Mag vielleicht komisch klingen, es ist ja nur eine Sportart wie alle anderen, oder?

Jedoch hat Bouldern es mir ermöglicht, mich voll und ganz auf eine Aktivität einzulassen und meinen unablässigen Gedankenstrom auszuschalten. Und das stundenlang. Ich konnte beim Yoga oder auf dem Fahrrad nie komplett abschalten, nie ganz präsent sein, fokussiert und konzentriert. Aber wenn ich beim Bouldern bin, existiert die Welt nicht. Weder mit ihren positiven noch mit ihren negativen Aspekten. Beim Bouldern fühle ich mich komplett frei!

Bouldern hat enorm zu meinem Selbstvertrauen und meiner Selbstliebe beigetragen. Mein gestörtes Körperbild verbesserte sich, als ich merkte, wie mein Körper wächst und kraftvoller und flexibler wird. Ich lernte meinen Körper in egal welcher Form zu lieben, weil er einfach unglaublich ist. Bouldern hat Selbstdisziplin, Struktur und Kontrolle in mein Leben eingeführt. Es hat mir geholfen, meine Emotionen und Reaktionen zu regulieren, mit Frust und Enttäuschung umzugehen.

Meine Ängste, vor anderen aufzutreten und mich lächerlich zu machen, verhöhnt zu werden, mich verletzlich zu machen, sind durch das Bouldern massiv reduziert worden. Mich auf andere zu verlassen, nach Hilfe oder Unterstützung zu fragen; zuzugeben, dass ich Angst habe, ohne dass ich mich dafür schäme; trotz meiner Angst Spaß zu haben, Erfolgsgefühle zu entwickeln, kleine Fortschritte zu schätzen. Das sind alles Fähigkeiten, die sich erst seitdem ich bouldere entwickelt haben.

Die Boulderhalle ist ein großartiger Ort, wo man von Menschen umgeben wird. Es gibt keine Pflicht, kein Druck aktiv an Gesprächen teilzunehmen. Doch die Leute sind da, und man kann sich jederzeit unterhalten, wenn man möchte. Es entstehen Freundschaften, es entstehen Partnerschaften. Oder es wird nur Quatsch geredet und dann Bier getrunken. Für manche Leute scheint es unverständlich, für mich jedoch total klar, wenn ich ihnen erzähle, dass ich nie in eine Stadt ohne Boulderhalle ziehen würde.

Doch nun springe ich gedanklich an den Anfang der „Coronakrise“. Vorgestern war ich noch bouldern, gestern machten die Boulderhallen dicht. Auf unbestimmte Zeit. Ich sitze im Zug auf dem Weg zurück nach Hause als ich erfahre, dass ich ab morgen von Zuhause aus arbeiten muss. Man redete in den vergangenen Wochen viel über das Coronavirus, jetzt ändert sich alles rasant. Es fühlt sich unwirklich an.

„Ich denke, es geht mir wie einigen von euch – keiner mag tagelang oder sogar wochenlang ohne seinen Lieblingssport leben“, schreibt Juliane Fritz, die Autorin vom Podcast „bin weg bouldern“. Weiter führt sie an: „Ich frage mich aber gerade: ist unsere persönliche Befindlichkeit hier wirklich so wichtig?“

Ihre Worte lösen ein Gefühl der Aufregung in mir aus. Ich fühle mich von dem Ausdruck „persönliche Befindlichkeit“ angegriffen. Denn ich denke an meine eigene Gesundheit. Ist sie nicht genauso wichtig, wie die Gesundheit anderer? An Folgen von Depressionen sterben jährlich Millionen von Menschen. Oder werden durch ihre Erkrankung massiv in ihrem Leben eingeschränkt. Doch ausgerechnet in dieser Zeit, in der so sehr über Solidarität gesprochen wird, gelten nur die „offiziellen“ Risikogruppen. Alles andere ist „persönliche Befindlichkeit“. Psychische Gesundheit ist doch gleichrangig zu körperlicher Gesundheit, nicht wahr? Nach meinem Empfinden werden psycho-soziale Aspekte im Sport nicht genug betont, da verstärkt über die körperlichen Vorteile von regelmäßigen Ausüben von Sport – Gewicht, Blutdruck, Cholesterin – geredet wird. Ich wünsche mir, dass der Fokus mehr auf die sozialen Kompetenzen gelegt wird, oder wie Leute bspw. mit Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen durch den Sport ihr Leben in den Griff bekommen.

Bouldern hat mein Leben gerettet. Die Zeit vor der Entdeckung dieses Sportes ist von depressiven Phasen, vermeidenden Verhaltensweisen und Ängsten geprägt. Ich erinnere mich an Zeiten aus meiner Kindheit, aus meiner Jugend, sogar bis vor 2 Jahren; Sommerzeiten, in denen ich meine Wohnung kaum verlassen habe. #staythefuckhome ist mittlerweile die Norm. Was wird aber, wenn ich dann nicht mehr aus meiner Wohnung rauskomme? Wer kümmert sich dann um mich?

Teilnehmerin beim Bouldern

Aus den Tagen werden Wochen, aus den Wochen – Monate…

Es kommen keine neuen Entscheidungen bezüglich der Wiedereröffnung von Boulderhallen. Keine Diskussion. Die Leute regen sich auf. Ich falle tiefer in mein Loch.

Friseure öffnen, Kosmetikstudios, gleich auch Nagelsalons.

Man darf Tennis spielen, reiten gehen, es wird sogar über eine Fortsetzung der Bundesliga diskutiert.

Kein Wort über das Bouldern.

Ist ja vielleicht viel zu neu.

Diejenigen, mit denen ich darüber spreche, halten die Wiedereröffnung einer Boulderhalle für nicht so wichtig. Sie haben andere Sachen entdeckt, die für sie in dieser Zeit als Ausgleich gut funktionieren. Wenn ich gern Tennis spielen würde, so wäre für mich auch die Wiedereröffnung der Tennisplätze wichtiger als die Wiedereröffnung einer Boulderhalle. Es sind natürlich für uns alle unterschiedliche Sachen/Aktivitäten wertvoll, die uns als persönliche Anker dienen. Es ist aber nicht immer leicht mit dem inneren Frust zu Recht zu kommen, wenn die anderen früher als ich zurück zu ihren Freizeitaktivitäten zurückkehren dürfen. Besonders, wenn wie bei mir eine Aktivität einen so hohen Stellenwert im Leben einnimmt.  

Ich lese zufälligerweise Kommentare zu einem Instagram-Beitrag über das Wegfallen vom Bouldern in der Coronakrise. Die Leute schreiben über ihre Angststörungen, über Motivation, über Zielsetzung und Erfolg, alles, worüber ich auch in Verbindung mit dem Bouldern spreche. Und daran merke ich, dass ich mit meinen Gedanken dazu nicht allein bin.

Es ist für mich persönlich undenkbar, ohne das Bouldern ein erfülltes Leben führen zu können.