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MT19, Teilnehmer entlang eines Sonnenblumenfelds

Interview mit Peter // Depression ist eben nicht nur schwarz oder weiß

Peter Seitenansicht Itzehoe
zwei Teilnehmende auf Tandems unterwegs

1.) Peter, was genau macht man bei der MUT-TOUR? Wie gestaltet sich das Programm?

Die MUT-TOUR ist ein Projekt, wo Menschen miteinander durch die Natur mit Tandems fahren, Gemeinschaft erfahren, sich bewegen und zum Thema Depression Öffentlichkeitsarbeit machen. Ein Team besteht aus 6 Teilnehmenden, die auf drei Tandems – Doppelfahrrädern – unterwegs sind. Darunter Leute, die Depressionen erfahren haben, die Angehörige sind, aber auch einfach Interessierte, die keine konkreten Erfahrungen mit Depressionen hinter sich haben, die sich jedoch gemeinnützig einbringen möchten oder Sportbegeistert sind. Die MUT-TOUR kann man sich wie eine Art Staffelfahrt vorstellen, bei der ein Team jeweils 7 Tage unterwegs ist. Es gibt dabei eine Nord- und eine Südstrecke, sodass wir ganz Deutschland durchfahren. Neben unseren Tandem-Teams gibt es auch ein Wanderteam, das mit Pferden im Norden Deutschlands unterwegs ist. Zusätzlich hatten wir in den vergangenen Jahren auch ein Team, das sich in Kajaks auf deutschen Flüssen bewegt hat.

Neben der 7-tägigen Etappenteilnahme gibt es Deutschlandweit Aktionstage, wo Partner aus dem Bereich Psychosoziales und Sport ihre Angebote vorstellen und Interessierte zum Austausch einladen. Innerhalb dieser Aktionstage veranstalten wir zusätzlich in Kooperation mit dem ADFC öffentliche Mitfahr-Aktionen. Hier können uns Interessierte für ca. 15 km auf privaten Fahrrädern begleiten, und somit ein Zeichen für mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen setzen. Für alle, die nicht in der Nähe der Aktionstage leben, planen wir bei Interesse kleinere individuelle Mitfahr-Aktionen – hier können sich Interessierte Gruppen ab 5 Personen bei uns melden und wir überlegen wo und wie wir die Mitfahr-Aktion gemeinsam planen können.

 

2.) Was ist die Idee hinter der MUT-TOUR? Welche Botschaft ist Dir wichtig?

Wir sind gemeinsam in der Natur unterwegs und erleben dabei die Wirkung von einer starken Gemeinschaft. Dieses Erlebnis macht auch über den Moment hinaus große Freude.

Nach außen demonstrieren wir, dass man es Menschen eben nicht von außen ansehen kann, ob sie psychisch erkrankt sind und dass sie trotz ihrer Krisenerfahrungen leistungsfähig sind. Mit unseren 55-Tageskilometern überraschen wir Passanten und auch Medienschaffende mit unserer Leistung.

Somit setzen wir ein aktives Zeichen gegen die bekannten und sehr einseitig dargestellten Bilder, die immer wieder in den Medien über psychische Erkrankungen auftauchen. Wir ermutigen durch unsere Pressearbeit, die zeigt wie vielfältig Menschen und deren individueller Umgang mit psychischen Erkrankungen sind, Betroffene dazu, sich bei seelischen Erkrankungen Hilfe zu suchen. Es ist uns wichtig zu zeigen, dass es auch einen Weg aus einer Krise geben kann und dass es möglich sein kann, sich Angehörigen (Familie, Partnern, Freunden, Arbeitskollegen) gegenüber zu öffnen. Somit wollen wir nicht nur Betroffenen Mut zu sprechen, auch Angehörigen wollen wir zeigen, dass es hilfreich ist, sich mit dem betroffenen Angehörigen offen auszutauschen und sie sich selbst auch Unterstützung holen dürfen.

 

3.) Mit welcher Motivation und welchen Eindrücken kommen die Teilnehmer*innen den Erfahrungen zu der MUT-TOUR? Was treibt sie an, und mit welchem Gefühl verlassen sie das Erlebnis?

Es ist schon eine Art Kontrastprogramm zu dem Alltag – es gibt keine Termine oder tausend Anrufe, denn der Touralltag strukturiert das Leben: Aufstehen, alles fertig machen, gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Das erste Projekt ist erstmal frühstücken, die ausrüstung verpacken und dann auf die Räder kommen. Und so zwischen 9:30/10:30 Uhr geht’s dann los. Wir fahren los, wir haben Termine mit der Presse. Mit örtlichen Medien, gelegentlich auch mit Hörfunkmedien, und auch mit dem Fernsehen wird manchmal gedreht.  Entlang unserer Strecke kommen wir auch immer wieder mit interessierten Bürgern ins Gespräch, wo sich oft herausstellt, dass sie selbst jemanden in ihrem privaten Umfeld haben, der oder die Depressionserfahrung hat.  Am Abend suchen wir uns dann spontan einen Schlafplatz – mal schlagen wir unsere Zelt auf der Wiese eines Bauern auf, mal kommen wir bei netten Bürgern im Garten unter – je nachdem welchen Hinweis wir bekommen oder mit wem wir am Wegesrand ins Gespräch kommen.

Die übergeordnete Motivation ist gemeinsam ein Zeichen für einen offeneren Umgang mit Depressionen zu setzen, jedoch bringt jede einzelne Person ihre eigene ganz persönliche Motivation mit. Das lässt sich schwer auf eine Motivation runterbrechen. Manche wollen aktiv mit Menschen zusammenkommen, die ähnliche Erfahrungen gesammelt haben, andere wollen aufgrund von Erfahrungen als Angehörige sich für mehr Offenheit einsetzen.

Die Eindrücke sind sicherlich sehr verschieden und personenabhängig. Grundsätzlich hat die Etappenteilnahme eine positive Wirkung auf den Körper und Geist. Die tägliche Bewegung und frische Luft tun gut. Auch der Austausch in der Gruppe kann sehr anregend und verständnisvoll sein. Wir verbringen Zeit mit Menschen, die wir so vielleicht nicht treffen würden – bei uns kommt jung und alt mit den unterschiedlichsten Lebensrealitäten zusammen. Somit kommt es immer wieder auch zu eigenen erlebten Perspektivwechseln. Das Erlebnis des täglichen Zusammenfahrens schafft eine Atmosphäre in der jede Person offen über die eigenen Erfahrungen sprechen kann und voneinander lernt. Auch die jeden Tag absolvierten Kilometer und Pressetermine wirken sich stärkend auf das Selbstwertgefühl aus und man schaut stolz gemeinsam als Gruppe auf die zurückgelegte Strecke. Nebenbei entdeckt man durch die MUT-TOUR natürlich auch ein Stückchen Deutschland – entlang an sonnigen Wiesen oder durch grüne Wälder und erfährt wie wenig es doch auch braucht, um zufrieden durch den Tag zu kommen, in diesem Sinne steckt in der MUT-TOUR auch ein Stückchen Entschleunigung in unserer doch recht rasanten Lebens- und Arbeitswelt. Während unserer Etappen wird auch viel gelacht, dieses Jahr hörte man an öfterer Stelle auch immer wieder das Motto „das Glas ist immer halb voll!“.

 

4.) Woran kann ich als Außenstehende*r oder Angehörige*r Depression erkennen? Gibt es denn überhaupt eindeutige Anzeichen?

Es ist schwierig zwischen ein paar „schlechten Tagen“ und dem Beginn einer Depression zu unterscheiden. Hierbei ist es hilfreich zu schauen wie lange die Anzeichen andauern. Können Anzeichen wie bspw. gedrückte Stimmung, negative Gedankenspiralen, verändertes Schlafverhalten, Antriebsmangel oder Konzentrationsschwierigkeiten über mehr als 14 Tage beobachtet werden, sollte ein ärztlicher Rat einbezogen werden. Hier hilft es auch schon mit dem eigenen Hausarzt zu sprechen oder sich Bezugspersonen anzuvertrauen. So unterschiedlich wie Menschen sind, so verschieden drücken sich auch Anzeichen aus, bei einigen sind sie offensichtlicher, bei anderen eher versteckt. Für Angehörige gilt – am Ende kennt jeder Angehörige seine vertraute Person am besten, von daher ist es wichtig zu beobachten und bei Veränderungen mit der betroffenen Person ohne Vorwürfe ins Gespräch zu kommen und dabei wahrgenommene Verhaltensänderungen anzusprechen.

 

5.) Was für Ursachen können sich hinter einer Depression verbergen?

Depression ist eigentlich ein Sammelbegriff. Es gibt genetische Faktoren, es kann auch natürlich Auslöser wie beispielsweise belastende Lebensereignisse oder chronische körperliche Krankheiten geben, aber es ist sehr vielfältig. Die Ursachen sind mindestens so vielfältig wie die Erscheinungsformen der Depression. Betroffene zeigen eine große Vielfalt an Menschen auf: Jung, alt, arm, reich, Stadt, Land – die Betroffenheit ist eigentlich sehr gleichmäßig verteilt. Am Ende kann keine klare Kausalität wie bei einem grippalen Infekt aufgestellt werden, das macht den Umgang damit auch so herausfordernd – es ist eben nicht nur schwarz oder weiß.

 

6.) Welche Maßnahmen sollte man in akuten Situationen ergreifen? Wo kann man sich Hilfe holen?

Im Fall des Verdachts auf eine Depression sollte ein Arzt oder Psychotherapeut aufgesucht werden. Hausärzte können hier als erste Ansprechpartner für die Diagnose helfen und bei Bedarf an einen Facharzt überweisen. Es gibt in sehr vielen Regionen zusätzlich psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen. Hier können Betroffene und ihre Angehörigen verschiedene Beratungsangebote wahrnehmen oder es wird der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe vermittelt. Zusätzlich dazu gibt es auch deutschlandweit den sozialpsychiatrischen Dienst, der Menschen in Krisensituationen zur Seite steht. Für akute Notfallsituationen gibt es in Berlin zum Beispiel den Berliner Krisendienst, der 24h telefonisch erreichbar ist und bundesweit die Telefonseelsorge. Auch die DeutscheDepressionsLiga e.V., unser Trägerverein bietet als ein reiner Betroffenenverband Informationen und Hilfen an. Mittlerweile kann man sich auch im Internet gut informieren, ohne sich gleich offenbaren zu müssen. Für junge Menschen bietet zum Beispiel das Forum FIDEO vielfältige Informationen zum Thema Depression. Für Angehörige empfiehlt es sich auch Kontakt zu den Landesverbänden des Bundesverbandes für Angehörige psychisch erkrankter Menschen aufzunehmen. So bietet der Berliner Angehörigenverband bspw. eine persönliche Beratung für Angehörige und verschiedene Selbsthilfegruppen an.

Neben professionellen Hilfestellen lohnt es sich auch immer mit Bezugspersonen ins Gespräch zu kommen und sich dann bei der Hilfesuche gemeinsam zu unterstützen. Doch auch hier gilt, wem man sich gegenüber öffnen möchte ist hoch individuell.

 

7.) Depression kann jeden treffen. Mit welchen Tipps und Tricks könnte man als Betroffener dem im Alltag entgegenwirken?

Klare Tipps und Tricks gibt es hier wohl nicht! Schließlich ist es eine Erkrankung und keine Willensschwäche. Eine Depression kann eben auch Menschen betreffen, die sich ausgewogen ernähren und stark auf sich selbst achten. Sicherlich ist aber Achtsamkeit im eigenen Leben wichtig. Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle im Blick zu haben und das eigene Leben so gestalten, dass es Raum für die Erfüllung dieser gibt. Der Austausch mit anderen Menschen kann hier viel Gutes tun, daher plädieren wir als MUT-TOUR auch für einen offeneren und authentischen Umgang miteinander.

 

8.) Worauf sollte man achten, wenn man Depression anspricht – persönlich wie auch öffentlich?

Also bei unserer Fahrt sind die Leute oft gut drauf – volkstümlich – und outen sich. Aber so ein Outing kann man nicht mehr zurück holen. Wenn man beruflich tätig ist – beispielsweise befristet – oder einen Karriereschritt vor sich hat, kann es schon fatale Konsequenzen nach sich ziehen.  Deswegen muss man schon aufpassen wem man es sagt, und was man sagt. So fahren auch einige Teilnehmer*innen anonym bei uns mit und halten sich bei Pressefotos einen Smiley vor das Gesicht, um mit ihrem Engagement nicht persönlich in Verbindung gebracht werden zu können.

Bei dem persönlichen Austausch sollte auch beachtet werden, dass auch der Gesprächspartner mit der Information aufgrund von Unwissenheit, aber auch wegen Schuld- oder Schamgefühlen überfordert sein kann. Hier ist es hilfreich dem Austausch Raum zu geben ohne Druck und darüber zu sprechen, wenn beide Seiten entspannt sind und eine vertrauensvolle Beziehung zueinander haben. Das Gesprächsklima ist hier entscheidend. Psychoedukation ist hier auch ein Stichwort, je informierter wir zu dem Thema sind, desto eher können wir darüber sprechen. Auch begünstigt es das Gespräch, wenn wir selbst klar in unserer eigenen Haltung und Wahrnehmung sind. Für Betroffene sowie Angehörige eignen sich zum Bsp. auch Veranstaltungsformate, die auf Trialog setzen – Professionelle, Betroffene und Angehörige kommen zusammen – hier erhält man Einblicke in Erfahrungswelten und kann somit Verständnis aufbauen.

Bei der öffentlichen Ansprache ist es wichtig bei seinem eigenen Fall zu bleiben und Pauschalisierungen zu vermeiden. Der eigene Weg kann für jemanden anderen ein unpassender sein. Wichtig ist generell die Vielfalt an Anzeichen, Verläufen und Behandlungswegen aufzuzeigen und dabei eine ermutigende Haltung einzunehmen. Auch hilft es Symptome eher bildlich zu beschreiben, da oftmals sperrige Begriffe der Realität nur zu einem Teil entsprechen und von Nicht-Erfahrenen nur schwer einordenbar sind. 

 

9.) Warum fällt es Deiner Meinung nach schwer, gesellschaftlich offen und ehrlich mit dem Thema Depression umzugehen?

Schwierig zu beantworten… Normabweichung ist natürlich immer eine Sache, die gesellschaftlich geächtet ist. Unsere Gesellschaft ist zudem sehr stark auf Leistung orientiert. Wer dem nicht zu 100% entspricht, dem wird auch gleich die Schuldfrage gestellt. Bei einer körperlichen Erkrankung wie z.B. einem Herzinfarkt wird die Schuldfrage wohl kaum gestellt werden. Bei körperlichen Erkrankungen sind die Ursachen eindeutig und sind somit für nicht Betroffene viel verständlicher. Bei einem Krebskranken fragt man eher, ob es ihm gut geht – Schuld hat ja der Krebs. Bei psychischen Leiden ist das leider nicht so, hier werden Gründe eher bei der betroffenen Person selbst gesucht. Psychische Erkrankungen schweben in einer Art Grauzone, wo nicht klar gesagt werden kann, welche Faktoren nun wirklich an der Entstehung einer depressiven Episode beteiligt waren. Der verkrampfte Umgang ergibt sich einfach auch aus nicht ausreichenden Informationen über psychische Erkrankungen und deren Verläufe sowie Auswirkungen, wodurch eine Unsicherheit im Umgang mit Menschen, die psychische Krisen durchleben, entsteht. Zusätzlich schrecken stark einseitig gezeichnete Bilder in den öffentlichen Medien ab. Allein ein Blick bei der Google-Bilder-Suche zeigt überwiegend ein Bild – der in der Hocke sitzende Mensch in Schwarz-Grautönen, ein Bild der puren Auswegslosigkeit.

 

10.) Was würdest Du Dir persönlich von unserer Gesellschaft und Deinen Mitmenschen im Umgang mit Depressionen wünschen?

Dass es eine Tages eine Krankheit wie jede andere ist und wir uns unverkrampft über Erfahrungen dazu austauschen können. Das sich durch eine gewisse Art der Entdramatisierung, Hilfen leichter in Anspruch nehmen lassen und dass die Gesellschaft psychische Erkrankungen gleichberechtigt zu körperlichen Erkrankungen akzeptiert. Dass der Besuch beim Psychotherapeut genauso unspektakulär ist wie der Besuch beim Physiotherapeut – es bleibt einfach bei einem Gang zu einem Arzt/Ärztin und niemand muss sich dafür schämen.

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