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leere Stuhlreihen als Sinnbild für Corona

Psychische Erkrankungen & Corona: Claudia teilt ihre Gedanken zum Teil-Lockdown

Inmitten des erneuten Lockdowns, der momentan gottseidank nur ein Teil-Lockdown ist

 

(Dieser Text ist Anfang Dezember entstanden.)

Claudia ist seit vielen Jahre aktive Teilnehmerin bei den Tandem-Etappen der MUT-TOUR und engagiert sich auch lokal in der Heidelberger Selbsthilfe-Landschaft. Sie hat für sich einen individuellen Umgang gefunden mit ihrer psychischen Erkrankung zu leben. Ihr Weg zeigt dabei nur einen Ausschnitt von vielen Wegen auf, wie die verschiedenen Erfahrungsberichte unserer MUT-SPENDER*INNEN zeigen.

Was ist gut bei dem derzeitigen Teil-Lockdown seit diesem November 2020? Abgesehen von der Notwendigkeit aufgrund gestiegener Fallzahlen etc., ist gut, dass der Handel, die Schulen und Kitas noch aufhaben dürfen, dass die Straßen und insbesondere die Fußgängerzone nicht so verwaist sind wie damals im März.

Damals herrschte eine plötzliche, unnatürliche Leere in den Straßen, an normalerweise mit Menschen vollbesetzten Knotenpunkten des Öffentlichen-Personen-Nahverkehrs zusammen mit einer gefühlten Abkehr bzw. fast “feindseligen” Haltung von Menschen gegenüber persönlichen Kontakt und des Zusammentreffens… ganz plötzlich hieß es: Abstand! Und Augen funkelten böse über die mit einem Mal zur Pflicht gewordene Mund-Nasen-Bedeckung.

Soziale Kontakte das Bewährteste im Überleben des Lebens

Ich kam damit nicht klar. Ich befand mich mit einem Mal in einer bedrohlichen Umgebung. Und dabei lebe ich, verwitwet, keine Kinder, allein in meinem Haushalt. Auf einmal hieß es: Ich darf fortan also nur noch einen weiteren Haushalt treffen? Wie bekomme ich das hin, wo doch meine ganzen sozialen Kontakte mit das Wichtigste und vor allem das Bewährteste im Überleben des Lebens überhaupt darstellen? Meine Stammkneipe – abgesehen von gesundheitlicher Mahnung schädlicher Auswirkung des Teufels Alkohol – war mein Wohnzimmer, und ist nun ganz plötzlich geschlossen, versperrt. Bis auf Weiteres.

Zuhause bleiben, hieß es. Allein in einer 42qm Wohnung stellt sich das ganz anders dar als in einer Familie mit großer Wohnung oder Haus. Und dazu habe ich eine psychische Erkrankung und bin darauf angewiesen, Leute und Freunde zu treffen. Mir tun fremde Impulse einfach gut. Hätte ich keinen Grund, aus meiner Wohnung zu gehen, wäre die Gefahr groß: ich mache die Nacht zum Tag und schaue endlos Filme oder stehe irgendwann überhaupt nicht mehr auf; ich bin extrem schlecht im Finden und Bewerkstelligen eigener Struktur. Und ich brauche die Beziehungen zu Menschen; es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen – so lautet eines meiner Lieblingszitate.

leere Stuhlreihen als Sinnbild für Corona

Leere Stuhlreihen sind in Lockdown-Zeiten dieses Jahr keine Seltenheit geworden.

Teilnehmerin Claudia bei ihrer Tandem-Etappe 2017

Claudia während einer Tandem-Etappe der MUT-TOUR 2017 mitten im Wald. Wenigstens die positive Wirkung der Natur können wir in Pandemiezeiten noch geniessen. Hier kannst du ein weiteres Interview mit Claudia bezüglich ihrer Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen lesen.

Meine psychische Erkrankung klopfte an

Mein Hirn wurde also überfordert und reagierte, wollte mir manisch Gutes suggerieren; ich erkannte die Ausnahmesituation und steuerte mit Medikamenten dagegen; das Schlimmste, mit Wahnvorstellungen darauf zu reagieren, konnte ich abfangen. Aber die Krankheit ist ja heimtückisch und bietet mehr: nach erlebter Aufregung wegen des verordneten Lockdowns, schaltete mein Hirn auf Sparflamme und reagierte, im betreffenden Fall, mit einer Störung im Antrieb. Den ganzen Sommer über musste ich kämpfen, mit den Anforderungen von Arbeit und Leben irgendwie zu überleben. Ich schaffte es bis zum August, wo ich bei meiner Arbeitsstelle eh Urlaub eingereicht hatte, und ging dann erleichtert stationär in die Psychiatrie. Es wurde ein sehr schöner Aufenthalt und weil es wohl auch an der Zeit war, dass die depressive Zeit zum Ende kam, konnte ich gut nach den 16 Tagen Klinik wieder in den Alltag und mein Berufsleben einsteigen.

Langsam kehrt Gewohnheit ein, doch mein soziales Wohnzimmer ist weiterhin geschlossen

Im Moment erschreckt mich das Verhalten von Mitmenschen bezüglich Abstand und überhaupt nicht mehr so; auch das Maskentragen ist zur Gewohnheit geworden. Mein großes Glück sind meine Freunde, mit denen ich mich dennoch weiter, wenn auch im Moment nur einzeln, treffen kann. Dass die Stammkneipe nach wie vor zu ist und wohl auch noch eine Weile bleibt, das schmerzt. Ganz wichtig ist aber unbedingt auch meine Arbeitsstelle –  da systemrelevant, kann ich jeden Tag ins Büro. Homeoffice wäre für mich eine Katastrophe. Weil Alleinsein gleich Katastrophe. Schlimm genug, dass mein Krafttraining und die Saunabesuche auch wegfallen. Und eben mein soziales Wohnzimmer: die Stammkneipe. Dabei hatten meine Stammkneipe und Fitnessstudio beste Hygienemaßnamen entwickelt, die auch noch teuer waren. Als sehr ungerecht empfinde ich daher den pauschalen, undifferenzierten erneuten Lockdown. Und ich habe wieder extreme Rückenschmerzen, die ich normalerweise gut wegtrainieren könnte.

Wir haben Dezember 2020, wir leben in einer Ausnahmesituation, wir können nicht ermessen, wie es weitergeht: Virus mutiert oder verschwindet? Impfstoffe werden gefunden? Ist Impfung überhaupt eine Lösung? Und dabei muss ich in meinem Leben klarkommen: ich darf meine sozialen Kontakte nicht verlieren, denn sie sind mein Verlässlichkeitsgeber Nummer 1!

Noch ein Wort zu meinem persönlichen Umgang mit Alkohol

Seit Jahren habe ich eine Doppeldiagnose; neben schizo-affektiv also auch Alkoholabusus. Alkoholabusus hat den “Schädlichen Gebrauch von Cannabis” bei mir abgelöst, denn Cannabis rühre ich seit 17 Jahren definitiv nicht mehr an; verkraftet mein Hirn nicht. Alkohol schon: er dämpft, entspannt, lässt mich runterkommen; friedlich werden. Ich genieße die Wirkung. Und bevor ich deswegen unangenehm auffallen würde, wird mir schlecht und ich trete den Heimweg an. Ich trinke auch nur Hefe-Weizen und Rotwein, ganz selten Sekt. Und niemals Hochprozentiges – da wird mir schon beim “Dran-Riechen” schlecht – dank einer Rumvergiftung im Alter von 17. Aber täglicher Alkohol schadet natürlich der Gesundheit und ich arbeite dran: hin und wieder bzw. immer öfter einen Tag ohne Alkohol zu verbringen. Während der MUT-TOUR Etappen, bei denen ein Alkoholverbot gilt, kann ich bspw. eine ganze Woche darauf verzichten. Aber vollständige Abstinenz wäre niemals mein Ziel und bis heute habe ich das Glück, dass meine Leberwerte komplett unauffällig sind. Und das bei den vielen Psychopharmaka, die ich schlucke..

(Mehr zu Claudia auf ihrem eigenen Blog: www.wahnsinnstheater.de