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auf einem Tandem muss die hintere Position lernen Kontrolle abzugeben

Persönliche Grenzen wahren

Interview mit Kerstin, das während einer Tandemetappe der MUT-TOUR 2021 von Regensburg nach Ulm mit Teamkollegin Franziska stattfand. Während ihres Gesprächs erzählt Kerstin wie sie professionelle Hilfe finden konnte, was sie durch ihren Klinikaufenthalt gerlernt hat und wie der Übergang in den Alltag für sie war.

Wie hast du den Weg zur MUT-TOUR gefunden und was ist deine Motivation per Tandem dabei zu sein?

Das war vor ungefähr zwei oder drei Jahren über Social Media. Ich hatte irgendwo mal was gesehen, dass ihr unterwegs seid und dachte mir, das ist auf jeden Fall ne coole Aktion, die Aufsehen erregt, die ein bisschen anders ist und die Menschen zum Dialog führt auf eine sehr angenehme Art und Weise. Meine Motivation hier mitzumachen ist, dass die Teilnahme über meine ganz persönlichen Grenzen hinausgeht, weil ich komplett aus meiner Komfortzone raus muss. Sowohl körperlich als auch emotional. Ich bin hier nur mit fremden Menschen unterwegs, bin in einer fremden Umgebung, in einem für mich fremden Format. Vor der MUT-TOUR bin ich überhaupt kein Fahrrad gefahren, das hat mich komischerweise motiviert mitzumachen.

Nach fast 6 Tagen unterwegs sein, magst du ein kleines Zwischenfazit ziehen?

Ich bin überrascht, wie gut es mir körperlich geht. Also bis auf den heutigen Sonnenbrand, der  ja irgendwie auch ein wenig das Resultat schlechter Vorbereitung meinerseits ist, geht es mir richtig gut (lacht). Das hatte ich so nicht erwartet, ich hatte mit ein bisschen mehr “Schaden” gerechnet. Ich bin überrascht, wie gut ich das alles wegstecke. Ich bin aber auch weitestgehend ohne Erwartung hergefahren, weil ich auch einfach nicht so richtig wusste, was mich erwarten würde, theoretisch ist da ja alles möglich. 

Bei uns fahren Menschen mit und ohne Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen mit. Welche persönliche Geschichte bringt dich zur MUT-TOUR?

Also ich bin selbst auch Betroffene, ich war vor ein paar Jahren in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung wegen einer Depression und einer Angststörung. Als ich selbst krank geworden bin, bin ich mir dessen das erste Mal so richtig bewusst geworden, dass es wichtig ist, meine psychische Gesundheit zu pflegen. Also ich würde mich schon immer als achtsamen Menschen beschreiben und auch als sehr sensiblen und feinfühligen Menschen, auch im Umgang mit mir selbst, aber “Ich habe nie rechtzeitig Grenzen gezogen und irgendwann hat mein Körper dann für mich diese Grenzen gesetzt.” Die Angststörung war tatsächlich irgendwie sichtbarer, das war alles akuter, die hat alles hervorgeholt. Die Depression war schleichend und für einen längeren Zeitraum immer da. Die Angst war ein akuter Zustand, der mich sehr eingeschränkt hat in meinem Alltag, so dass ich irgendwann mal mein Haus nicht mehr alleine verlassen konnte. Das war dann der Punkt, an dem ich für mich selbst entschlossen habe, dass das so nicht mehr weitergehen kann. Das war ein ganzer Rattenschwanz, da ging alles dann eigentlich nur noch bergab und ich musste selbst einen Weg finden, da wieder rauszukommen.

Du hast erwähnt, dass du deine eigenen Grenzen nicht gewahrt hast. In welchen Bereichen hast du das feststellen können?

Das passiert auf ganz vielen Ebenen, also das kann im Restaurant passieren, dass mir der falsche Teller gebracht wird und ich sag nicht, dass ich das gar nicht wollte oder in einem Gespräch, dass ich eigentlich nicht mehr weiterreden möchte und ich mach aber immer noch weiter und andere Kleinigkeiten, die sich dann anhäufen. Oder ich möchte abends nicht mehr ausgehen und geh aber trotzdem noch mit, wenn ich gefragt werde. Da bin ich dann nicht für meine Bedürfnisse eingestanden. Das zu tun, ist auch für mich nach wie vor super schwer. Ich hoffe, das ist keine Schule fürs Leben, dass man sich die Anerkennung der eigenen Bedürfnisse so sehr erkämpfen muss.

 

Teilnehmerin Kerstin Selbstportrait während einer Tandem-Etappe

„Meine Motivation hier mitzumachen ist, dass die Teilnahme  über meine ganz persönlichen Grenzen hinausgeht, weil ich komplett aus meiner Komfortzone raus muss.“ Kerstin war dieses Jahr das erste Mal bei einem der MUT-TOUR Tandemteams dabei.

auf einem Tandem muss die hintere Position lernen Kontrolle abzugeben

Die hintere Sitzposition auf einem Tandem erfordert viel Vertrauen, denn das Lenken, Schalten und Bremens übernimmt die Person vorne. Vor der MUT-TOUR ist Kerstin kein Fahrrad gefahren, komischerweise hat genau das sie zu einer Teilnahme motiviert.

Wie hast du den Weg herausgefunden bzw. wie kam’s dazu, dass du dir professionelle Hilfe gesucht hast?

Also ich muss sagen, dass ich in dieser Zeit viel Glück hatte. Ich hatte immer mal das Internet durchforscht – sowas passiert bei mir meistens nachts – zu dieser Tageszeit kann man ja auch keine Therapeut*innen erreichen. Das sind aber dann auch oft bei mir die Akutsituationen. Eines abends war ich auch wieder in so einem Zustand, wo ich nachts in meinem Bett lag und dachte: 

“Jetzt gehts nicht mehr! Es muss jetzt was geschehen, ich muss jetzt irgendwie handeln und zwar langfristig.” 

Dann bin ich über eine Studie einer Universitätsklinik gestolpert, welche sich mit einer neuen Therapiemethode im Kontext von Depressionen beschäftigte. Da ich auf das Profil der gesuchten Proband*innen passte, habe ich mich dann da beworben und tatsächlich innerhalb von zwei Wochen einen Therapieplatz in einer Tagesklinik bekommen, ohne vorher in Therapie gewesen zu sein. Das ist aber mit Abstand wirklich die absolute Ausnahme.

Und wie war diese Zeit in der Tagesklinik für dich?

Sehr gut, ehrlich gesagt, weil ich das erste Mal so richtig Aufatmen konnte. Ich war einfach raus aus allem, ich hatte irgendwie das erst Mal in meinem Leben so ne richtige Daseinsberechtigung gefühlt. Es ging in der Zeit eben nur um mich und wir haben ganz viel über mich herausgefunden. Dabei ging es um Fragen wie: was mir fehlt und was ich brauche oder was mich schon seit ganz langer Zeit belastet, wobei ich gar nicht wusste, dass es mich belastet. Das war auch sehr schmerzhaft, aber wichtig zu erkennen. Vor allem auch, dass es mir jemand von außen gesagt hat bzw. mich dahin geführt hat. Es hat mir ja niemand von außen diktiert, sondern es mir einfach sichtbar gemacht. 

Das war ein wichtiger Weg. Die letzten zwei Wochen in der Klinik, wurde es dann aber auch klar für mich, dass ich dann auch wieder gehen möchte. In der Anfangszeit bin ich so richtig aufgeblüht und habe einen guten Prozess gemacht, aber dann war ich auch irgendwann bereit, wieder nach Hause zu gehen.

Und wie hast du dann diesen Übergang nach Hause bzw. das Ankommen zu Hause erlebt?

Es war Ok. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass mich mein soziales Umfeld viel zu sehr in Watte packt. Das hat mich auch oft gekränkt. Der Umgang war sehr stigmatisierend. Ich habe mich oft abgestempelt gefühlt. Es fühlte sich so an, wie wenn einfach ein neues Thema auf dem Tisch ist, was die Situation bzw. dieses Gefühl von mir erklären könnte. Zwar war es sicherlich von vielen Leuten als wertschätzend gemeint, jedoch kam es bei mir als nicht wertschätzend an. Deswegen war es zwischenmenschlich für mich manchmal ein bisschen schwierig. Ich wurde schon mit sehr viel Liebe und Wertschätzung behandelt und in Empfang genommen, aber es war auch eine sehr sensible Phase. Hier findest du weitere Hinweise für Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Der Übergang war an sich auch ein bisschen schwierig, weil ich natürlich nach der Klinik noch super motiviert und ambitioniert war weiter zu machen. So hatte ich dann auch direkt angefangen mit Sport, Meditation, also am Ball zu bleiben, aber es ist dann auch wieder relativ bald abgeflacht. Denn dann ging es nämlich los mit der Therapieplatzsuche außerhalb der Klinik. Und nach ein paar gescheiterten Anrufen, bin ich dann schon schnell wieder in ein Loch gefallen, was die Suche angeht. Wodurch ich es dann irgendwann wieder aufgegeben und seitdem auch nicht mehr probiert habe. Dadurch dass ich in meinem Leben ein paar Dinge umstrukturiert habe und in eine Wohngemeinschaft gezogen bin und nicht mehr alleine war, habe ich dann aber erstmal andere Wege für mich gefunden, mir zu helfen. Das kann zwar niemals ein therapeutisches Umfeld ersetzen, aber so sehe ich für mich, gut einschätzbar, erstmal keinen Therapiebedarf.

Was sind die Dinge, die dir besonders geholfen haben?

Ich kann klarer Grenzen ziehen mit Menschen. Das war tatsächlich immer ein großes Thema bei mir, dass ich zu oft zu fremdbestimmt war. Außerdem versuche ich mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir Spaß machen, mit Menschen zu umgeben, die mir Freude bereiten und kreativ zu sein.

Und was hilft dir dabei diese Grenzen zu setzen?

Mein Bauchgefühl: Fühle ich mich mit der Person gut, fühle ich mich in der Situation gut? Und wenn nicht: liegt es an der Person, liegt es an der Situation, kann ich das verändern bzw. möchte ich das verändern? Ist das gerade nur ein vergänglicher Zustand oder empfinde ich das als dauerhaft? Lohnt sich auch der Aufwand, das in dieser Situation jetzt anzusprechen? Manchmal ist es ja auch nur ein Moment. Da höre ich einfach ein bisschen mehr auf meine Intuition und wenn es zu viel ist, dann ziehe ich mich  zurück bzw. versuche klar zu sagen, dass ich das jetzt nicht möchte, wobei mir das echt noch schwer fällt. Aber ich werd immer besser und es macht mich auch ein bisschen stolz, dass mir das von sehr engen Freund*innen, die mich schon lange kennen, auch rückgemeldet wird.