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Tandemteam, jung und alt

Melanie erlebte in ihrer Jugendzeit ihre erste depressive Phase

Wie bist Du zur MUT-TOUR gekommen und was ist die Motivation Deiner Teilnahme?

Ich wollte etwas zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen und war deshalb auf der Suche nach Projekten, bei denen ich mich engagieren könnte. Gefunden habe ich dann auf der Homepage der Deutschen Depressionsliga e.V. eine Broschüre der MUT-TOUR, für die noch Interviewpartner gesucht wurden. Das wurde ich dann zwar nicht, jedoch wurde ich darauf hingewiesen, dass ich bei der eigentlichen MUT-TOUR teilnehmen könnte, was ich 2019 dann auch in zwei Etappen tat.

Meine Motivation ist, es anderen Menschen, die betroffen sind, leichter zu machen, Hilfe anzunehmen und sich nicht für ihre Erkrankung zu schämen. Ich möchte verhindern, dass sich Betroffene (und auch ihre Angehörigen) mit ihrer Erkrankung alleingelassen fühlen und keine Hoffnung mehr haben, da sie dadurch immer weiter ins Abseits driften können.

Mit der MUT-TOUR kann ich viele Menschen erreichen und mit meiner Geschichte Gutes tun.

Welche Erfahrungen hast Du mit dem Thema Depression gemacht?

Ich selbst erkrankte in meiner Jugendzeit. Anfangs wusste ich selbst gar nicht, was da mit mir passiert. Es war also nicht so, dass ich gleich gewusst hätte, dass ich in einer depressiven Phase bin und Hilfe bekommen könnte. Deshalb habe ich mich auch eine Zeit lang alleine “durchgekämpft”, bevor ich professionelle Hilfe in Anspruch nahm. Nach außen hin habe ich damals eine Fassade aufgebaut, mit der ich es sogar schaffte, mein Abitur gut abzuschließen. Mittlerweile frage ich mich jedoch, wie ich das damals überhaupt hinbekommen habe, weil ich zu dem Zeitpunkt in einer sehr schlimmen depressiven Phase steckte. So war es vor lauter Suizidgedanken für mich beispielsweise nur schwer möglich, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Oft fehlte mir auch der Glaube an mich selbst und an eine Zukunft, in der ich wirklich leben wollte. Dadurch war es schwierig, mich überhaupt für etwas zu motivieren und die Kraft aufzuwenden, die dafür benötigt würde. Ich selbst hatte damals nicht den Mut, anderen Menschen in meinem Umfeld (also beispielsweise Freunden) viel davon zu erzählen, aus Angst, dass diese sich abwenden würden. Als ich ein halbes Jahr später einen Klinikaufenthalt hatte, erzählte ich auch meinen Freundinnen davon. Anfangs war es schon eine eigenartige Situation, aber mittlerweile verstehen sie mich ziemlich gut, was meine depressiven Phasen angeht. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Mit der Zeit lernte ich, was mir in solchen Phasen gut tut. So offensichtlich wie das für Außenstehende auch sein mag, so schwer war es für mich, das wirklich herauszufinden. Wichtig zu wissen, ist auf jeden Fall, dass Depressionen sehr gut behandelbar sind.

Wie wurde innerhalb Deiner Schulzeit das Thema psychische Gesundheit behandelt?

In meiner Schulzeit hätten wir das Thema tatsächlich nie angeschnitten. „Hätten“ schreibe ich deshalb, weil sich in der 10. Klasse ein Mitschüler suizidiert hatte. Dadurch war die Schule mehr oder weniger gezwungen, mit uns darüber zu reden. Wir hatten dann zwei Tage lang keinen Unterricht bzw. im Unterricht konnte jeder machen, was ihm gut tat. Zusätzlich wurde ein Raum eingerichtet, in dem jede*r auf seine Art Abschied nehmen konnte und bei Bedarf auch mit einem Pater reden konnte. Anschließend war aber auch dieses Thema wieder abgeschlossen.

Gibt es etwas, dass Du Dir innerhalb der Schule in Bezug darauf gewünscht hättest oder für die Zukunft für Schulen wünschen würdest?

Ich hätte mir gewünscht, dass das Thema „ganz offiziell“ und ohne bestimmten Anlass mehrmals aufgegriffen wird. Wie ich mittlerweile herausgefunden habe, gibt es durchaus verschiedene Projekte, wie beispielsweise „Verrückt – na und“, die Schultage ganz im Sinne der Entstigmatisierung mit selbst Betroffenen durchführen und so zeigen, dass es gar nicht so „verrückt“ ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben und ganz wichtig: Dass man damit einen guten Umgang finden kann, mit dem man trotzdem ein gutes, meist glückliches Leben haben kann.

Tandemteam, jung und alt

Melanie während ihrer MUT-TOUR Etappe von Berlin nach Jena, 2019

Tandem-Team während einer Pause

Eine kurze Rastpause auf einem Marktplatz nutzen Melanie und ihr MUT-TOUR Team, um mit Spruchplakaten für einen offeneren Umgang mit Depressionen zu werben. Auch die Trikots der Teilnehmenden lenken immer wieder die Aufmerksamkeit auf unsere soziale Mission.

Was hilft Dir in depressiven Phasen?

Mir hilft es, regelmäßige und feste Termine zu haben, vor denen ich mich nicht “drücken” kann. Kontakt mit Freunden und einfach aus dem Haus zu kommen, tut mir auch sehr gut. Weitere hilfreiche Punkte sind für mich die Bewegung, für mich meist in Form von kürzeren oder auch längeren Fahrradtouren in der Natur. Auch ein Ziel, hinter dem ich 100%ig stehe, gibt meinem Leben in solchen Phasen einen Sinn, wodurch ich sagen kann: „Hey, es lohnt sich doch, dafür zu leben. Du möchtest dich doch wirklich darum kümmern“. Wenn ich dann auch noch erlebe, dass ich wirklich etwas bewirken kann, dann nimmt das meiner Depression eine Menge Energie, die ich dann wiederum dazu verwenden kann, weiter in Richtung Gesundheit zu wandern.

Was können Familie und Freunde tun, um Dich in derartigen Phasen zu unterstützen?

Freunde können mich unterstützen, indem sie sich weiter hartnäckig melden und sich mit mir treffen. Einfach ein paar Stunden auf andere Gedanken zu kommen, kann Wunder bewirken. Auch da gilt der goldene Mittelweg: Zu große Aktionen, wie mehrtägige Wandertouren sind zwar nett gemeint, aber dann doch etwas zu viel für mich. Abnehmen sollte man mir nicht zu viel, da ich sonst schnell das Gefühl bekomme, selbst nichts mehr gebacken zu bekommen, was mir die depressiven Phasen eh immer beweisen wollen. Deshalb gilt für mich: So viel Hilfe wie nötig, aber so wenig wie möglich.

Meine Familie kann mich am Besten durch Ablenkung, gerne Spieleabende etc. unterstützen. Ansonsten müssen sie oft akzeptieren, dass ich mich etwas mehr zurückziehe und leider auch einen eher negativen Blick auf die Welt habe. Den gilt es dann nachzuvollziehen und nicht einfach als falsch zu bezeichnen. Aber ein etwas realistischerer Sicht darf mir natürlich trotzdem präsentiert werden, dagegen spricht zumindest bei mir nichts, jedoch kommt es hier auf die Art und Weise an.

*Jugendliche in psychischen Krisen und ihre Angehörigen finden hier Unterstützung: