Blog

Tandemteam Bibo und Claudia MT2019

Claudia erlebte Berg- und Talfahrten, doch an den Ausnahmezuständen ist sie gereift

Wie bist Du zur MUT-TOUR gekommen und seit wann bist Du schon dabei?

Von Anfang an (2012) war ich in Heidelberg Mitglied im Orga-Team, das die Mut-Tour empfangen hat. Ich hatte stets große Ehrfurcht vor den Teilnehmern und traute mir so ein Unterfangen nicht zu. Das änderte sich 2015 als Mini-Mut-Touren angeboten wurden und ich es wagte, bei Sebastian (Initiator der MUT-TOUR) hinten drauf die Etappe Bensheim-Stuttgart mitzufahren. Von da an hatte ich Feuer gefangen und bin seither jedes Jahr eine Tour mitgefahren – schade, dass dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie wohl die Etappen nicht wie gewohnt stattfinden können.

*Ausführliche Infos zum Umgang der MUT-TOUR mit den aktuellen Entwicklungen hier.

 

Welche Erfahrungen hast Du mit psychischen Erkrankungen gemacht?

Im Jahr 1996 wurde bei mir eine schizoaffektive Störung diagnostiziert: das ist eine Mischung aus Schizophrenie und einer bipolaren Störung (manisch-depressiv). Bis heute hatte ich 12 stationäre Aufenthalte in der Heidelberger Psychiatrie. Die regelmäßige Medikamenteneinnahme muss ich schon ganz lange akzeptieren, aber sie reicht für mich bei weitem nicht aus. Psychotherapie (Verhaltenstherapie), Psychose-Seminare, Soziotherapie (Klinikseelsorge) und reges Engagement in der Selbsthilfe brachten mich dazu, die Krankheit zu verstehen und zufrieden und selbstbestimmt mit ihr zu leben.

 

Wie würdest Du Deine psychische Erkrankung für jemanden beschreiben, der oder die keine Erfahrungen in diesem Bereich hat?

Die eine Seite der Krankheit sind wilde Höhenflüge mit Selbstüberschätzung und Größenwahn. Eine 2. Wahrnehmungswelt tritt auf, das Erleben ist ver-rückt im buchstäblichen Wortsinn, die Wahngewissheit ist das, was zählt. Dies fühlt sich teilweise wunder-, wunderschön an, kann aber auch sehr anstrengend sein – und dann folgt der Absturz: tiefstes Dunkel ohne jeglichen Antrieb, Verarmungswahn, sprich, davon überzeugt zu sein, finanziell zu verarmen und aus sämtlichen Hilfenetzen herauszufallen, Minderwertigkeit bis hin zu Selbsttötungsgedanken als alleinigen Ausweg.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Du professionelle Hilfe in Anspruch genommen hast? Was hat Dir dabei geholfen?

Die Polizei hat mich hoch-psychotisch aufgegriffen und dafür Sorge getragen, dass ich in die Psychiatrie kam. Dort war damals leider die gängige Praxis, Menschen mit einem Erkrankungsbild wie meinem mit hochdosierten Medikamenten zu “behandeln”, die reich an schrecklichen Nebenwirkungen waren. Der Wahn war davon weg, aber ich fühlte mich leer und hohl und wurde ohne großartige weitere Erklärungen nach einigen Wochen wieder entlassen, bis alles wieder von vorne los ging und ich mich erneut “vollgestopft mit Psychopharmaka” in der Psychiatrie wiederfand (die sog. Drehtür-Psychiatrie). Die Empathie vereinzelter Assistenzärzte sowie die Mitpatient*innen konnten die Situation dabei etwas erleichtern. Die Mitpatient*innen einfach, weil sie da waren und man sich untereinander austauschen konnte – die Ärzte, weil sie zugewandt in der Gesprächsführung waren.

Wenn ich dazu in der Lage war, halfen mir auch Kunst- und Ergotherapie. Und Zeit.

On the road MT19
Tandemteam Bibo und Claudia MT2019

Wünschst Du Dir Veränderungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen innerhalb des Hilfesystems?

Seit den 90er Jahren hat sich einiges Positives getan. Aber das Gesundheitssystem ist heutzutage immer noch viel zu beschränkt – in dem Sinne, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt, weil zunehmend nach wirtschaftlichen Standpunkten entschieden wird. Auch hätte ich liebend gerne Behandlungskontinuität, was bei einem Uniklinikum wie Heidelberg leider nicht geht: da muss man sich immer an neue (junge) Ärzt*innen gewöhnen. Das ist für mich anstrengend und fordernd und betrifft nicht nur Zeiten der Krisen.Wenn man sich vorstellt, jedes Jahr den Zahnarzt wechseln zu müssen, würde das sicherlich viele Menschen stark verunsichern, denn auch hier sind Punkte wie Sympathie und Vertrauen entscheidend. Mit wie viel Anstrengung nun ein Wechsel innerhalb einer psychologischen/ psychiatrischen Behandlung verbunden ist, lässt sich nun vielleicht besser vorstellen. Es erfordert viel Kraft, mich auf neue Behandler*innen einzustellen und meine Vergangenheit immer wieder neu zu erklären. Dennoch ziehe ich die regelmäßige Behandlung in der PIA (Psychiatrische Institutsambulanz) – seit 20 Jahren – vor und suche mir keine/n niedergelassene/n Psychiater*in. Die PIA bietet einfach mehr Möglichkeiten: viel häufigere Termine, Zusatzuntersuchungen (EKG, EEG) und Labor, kostenlose Kunsttherapie, und sie ist nicht budgetbeschränkt und kann ohne Restriktionen auch anderweitige Medikamente verschreiben. Außerdem gelangt man bei Bedarf schneller auf eine Station und es ist dann von Vorteil, wenn man “im Haus” bekannt ist.

 

Was nimmst du aus den Erfahrungen für Dich persönlich mit?

Ich bin bescheiden in meinen Ansprüchen und glaube, dadurch einiges zufriedener durch das Leben zu gehen. Durch die vielen Psychiatrie-Aufenthalte und die damit verbundenen Fehlzeiten habe ich viele Jobs verloren und viel Kraft gebraucht, mich immer wieder aufs Neue zu bewerben. Ich bin einfach froh, dass ich noch ganz normal auf dem 1. Arbeitsmarkt arbeiten kann, denn das ist vielen nicht mehr möglich. Ich möchte meine seelischen Ausnahmezustände nicht missen. Ich bin an ihnen gereift.

(Siehe auch meine Website: www.wahnsinnstheater.de) 

MUT-TOUR Tandemteam Nord 2019