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Andrea auf Tandem vor Schafherde

Andrea kennt die Erkrankung sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus der Perspektive einer Angehörigen

Was waren Deine ersten Erfahrungen mit dem Thema Depression?

Rückblickend würde ich sagen, dass ich schon immer mit depressiven Verstimmungen zu tun hatte. Dann wurde ich Mutter, alleinerziehend und auch wieder berufstätig. Das war und ist eine Herausforderung, die ich sicherlich die längste Zeit völlig unterschätzt hatte. In der Pubertät meines Sohnes kamen seine Befindlichkeitsstörungen sehr massiv zum Ausbruch. Von klein auf hatte er immer wieder extreme Stimmungsschwankungen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde dann die Diagnose „schizo-affektive Psychose“ gestellt. Ich lernte unser Sozial- und Psychiatriesystem kennen und fühlte mich hier als Mutter total allein gelassen. Es kam soweit, dass wir dann 6 Jahre keinen Kontakt hatten. Wie es mir in der Zeit ging und was ich so durchmachte, kann ich kaum in Worte fassen. Ich wusste nicht mehr, wofür ich noch leben sollte: kein Mann, kein Kind und keine Arbeit. Es gab unzählige Nächte, in denen ich einfach nur sterben wollte. Es war ein langer und schwerer Weg dahin, wo ich jetzt bin. Doch die Tatsache, dass mein Sohn und ich wieder Kontakt haben, gibt mir Zuversicht für kommende Krisen, denn sie lassen sich vor allem durch Unterstützung – überwinden. Es tut so gut zu wissen, was er macht, wie es ihm geht und wo er ist. Nicht zu wissen, wie es dem eigenen Kind geht und was es macht, kann einen nur zutiefst betrübt machen.

Was hilft Dir bzw. was konntest Du mit der Zeit für den eigenen Umgang mit depressiven Episoden lernen?

Wichtig sind feste Tagesstrukturen. In der Zeit, wo bei mir eigentlich nichts ging, bin ich zumindest einmal am Tag rausgegangen. Es gab Termine, z.B. meine Therapiestunden, das waren dann Highlights im Alltag, in welchem sonst nicht viel passierte. Draußen in der Natur in Bewegung zu sein, hilft mir sehr, egal ob Radfahren, Joggen oder Spazierengehen. Wichtig sind auch Menschen, bei denen ich weiß, dass ich sie jederzeit, auch nachts um 02:00 Uhr, anrufen darf und sie dann vorbei kommen. Dieses Wissen gibt mir eine unbewusste Sicherheit. Gruppen, z.B. Selbsthilfegruppen, können auch eine gute Unterstützung sein. Depressionen zu haben ist für mich auch ein Weg, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und mich besser kennenzulernen. Ich bin weiter auf diesem Weg unterwegs.

 

Teilnehmerin Andrea mit zwei kleinen Mitwanderern
Andrea auf Tandem vor Schafherde

Hilft Dir Deine eigene Krisenerfahrung im Umgang mit anderen Personen, die selbst von psychischen Erkrankungen betroffen sind?  

Sicherlich hilft die eigene Erfahrung und der Austausch mit „Gleichgesinnten“ sehr, da Bestimmtes sich beim anderen wiederfindet. Das gibt zumindest mir das Gefühl, nicht als Einzige betroffen zu sein.

Wie gehst Du selbst mit einer psychischen Krise Deines Angehörigen um? 

Als ich vor vielen Jahren noch die Hauptbezugsperson meines Sohnes war, waren seine Krisen für mich immer sehr schwer auszuhalten und ich habe da als Mutter sicherlich oft viel zu emotional reagiert. Aber Unterstützung von außen hatte ich damals keine. Jetzt ist er erwachsen, wohnt nicht mehr bei mir, sondern lebt und arbeitet bei einem Träger, der damit auch die Verantwortung trägt. Mit dem Abstand, den ich nun habe, kommen diese Krisen nicht mehr so an mich ran. Ich selbst befinde mich noch in einem emotionalen Lernprozess, ihn mit seinem Leben anzunehmen und zu verstehen, wie es für ihn ist. Aber falls er mich braucht, ich etwas für ihn machen kann, dann kann ich für ihn da sein, ohne mich selbst zu überlasten; und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Was möchtest Du den Leser*innen mitgeben?

Ganz wichtig ist Austausch mit anderen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, mutig für das Leben zu sein und sich auf den Weg zu machen, egal wie dieser auch aussehen mag: für jeden anders. Mit der MUT-TOUR unterwegs zu sein, ist für mich ein Weg von vielen gewesen, mich wieder ins Leben zu begeben. Ich wurde und werde mit so vielen Erfahrungen beschenkt, die mich definitiv ein Stück weitergebracht haben. Beim Mutig-sein geht es immer nur um den nächsten kleinen Schritt.