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Electropop Duo Fliegende Haie über ihr Gefühl bei Angst- und Panikattacken

Fliegende Haie. Panikattacken und Tiefseetauchen.

Kristina Paulini und Jan König sind zusammen das Electropop-Duo „Fliegende Haie“. In ihrem neuen Song „334“ singen sie über ihr Gefühl bei Angst- und Panikattacken. In unserem Blog schreiben die beiden, warum der Song so heißt und was das Thema ihnen bedeutet.

 

332,35 Meter beträgt der Weltrekord im Tieftauchen ohne Panzerung. In dieser pechschwarzen Tiefe muss ein spezielles Gasgemisch geatmet werden, durch das allerdings beim Tauchenden das sogenannte „Heliumzittern“ eintreten kann. Dieses „High Pressure Nervous Syndrome“ ist eine Störung des zentralen Nervensystems mit Schwindel, unkontrolliertem Zittern, Koordinationsschwierigkeiten und lebensgefährlichen Krämpfen.

Spätestens beim Auftauchen verschwinden diese Symptome so plötzlich, wie sie gekommen sind. Als wir damals vom „Heliumzittern“ lasen, mussten wir unwillkürlich daran denken, wie sich für uns Panikattacken anfühlen – man taucht ab, gefühlt noch eine Menschenlänge tiefer als 332,35 Meter: Deshalb der Songtitel „334“. (Der Song selbst dauert wiederum genau 3:32 Minuten…). 

Als wäre man in Lebensgefahr, wird Adrenalin ausgeschüttet. Das Herz beginnt zu rasen. Die Muskeln spannen sich an. Plötzlich ist man ganz Angst. Als wäre man ein Raum, der in wenigen Sekunden von hereinbrechenden Wassermassen geflutet wird – bis unter den Rand. Die Luft zum Atmen wird knapp. Die Brust wird eng. Schwindel kreist und kalter Schweiß bricht aus. Wo vorher noch viele andere Gedanken waren, Zukunftspläne und Alltagsflausen, ist plötzlich nur noch berstende Flut.

Und dann: taucht man ab.

Als würde man wie ein Stein immer tiefer in die Dunkelheit des Meeres sinken – aber ohne Richtung. Oben und unten sind keine Kategorien mehr. „Am Sinken und doch schwerelos“ – so haben wir diesen Verlust jeder Orientierung und Kontrolle zu beschreiben versucht. Woran man sich sonst im Leben festhält, was einen bewegt, ist an der Oberfläche zurückgeblieben. Und jeder Versuch, das Abtauchen zu verhindern, fühlt sich an, als würde man im Weltall schwimmen wollen: Man strampelt ins Leere, in die Schwerelosigkeit hinein, die einen erbarmungslos gleichgültig umhüllt.

„Schwarze Flut, ich lass dich rein – dann reiß mich mit und hüll mich ein: Ich will von dir verschlungen sein, in deinem Sog.“, singt das Ich an diesem Punkt der Kapitulation in unserem Lied. Irgendwie hat die Angst dieses teuflische Element: ihren Sog. Als würde einen das Adrenalin, das sie ausschüttet, süchtig machen, gibt es da diesen inneren Zug, sich in die Ohnmacht hinabgleiten zu lassen, sich der brutalen Energie der Angst einfach auszuliefern. Plötzlich ist man klein und ihre Einflüsterungen plausibel: Ist nicht eigentlich alles wirklich und real so schlimm, wie sie es ausmalt? Ist das Leben nicht eigentlich höchstens ein Kartenhaus, das beim kleinsten Windhauch einstürzen kann? Oder ist die Angst nicht eigentlich selbst der Windhauch, mächtig genug, das Haus umzupusten, egal wie fest wir es wieder aufbauen?

Wenn man in einer Angstattacke den Halt verliert, verliert man zugleich auch das Gefühl dafür, wie tief es einen ziehen wird.

Wann wird es besser? Daran kann man gar nicht denken. Wird es noch schlimmer? Vermutlich ja, danach fühlt es sich an. Wie schlimm? Keine Ahnung. In solchen Momenten weiß man einfach nicht, wo der tiefste Punkt, der persönliche Marianengraben sitzt. Es fühlt sich nur an, als würde es hinab gehen, immer und immer schneller. Dabei ist die eine tröstliche Wahrheit: Es wird aufhören. Es wird aufhören, dazu musst Du gar nicht ganz unten ankommen. Du wirst an die Oberfläche zurückkehren und frei atmen können. Versprochen.

Und dann, wie das Heliumzittern, ist die Panikattacke mit einem Mal vorbei.

Man kann nicht so genau sagen, ob man es selbst war, der/die aufgetaucht ist, oder ob es da einen geheimen inneren Auftrieb gibt, der einen wieder hochzieht. Und vielleicht ist das auch ein Trost: Man taucht immer wieder auf. Immer. Und zu unserem Glück durften wir auch lernen, dass es „Tauchlehrer:innen“ gibt, die einen wappnen, sodass man, auch wenn das „Heliumzittern“ einsetzt, besser mit seinen Symptomen umgehen kann – oder es sogar manchmal nicht einmal eintritt. Und deshalb soll „334“ ein Aufruf sein, über Mental Health, über Angst und Panikattacken zu sprechen – und eine Stimme, die allen, denen es ähnlich geht, zuruft: Du bist nicht allein!

Electropop Duo Fliegende Haie über ihr Gefühl bei Angst- und Panikattacken

Das Electropop-Duo fliegende Hai wählte für den Videodreh „334“ ein verlassenes Schwimmbecken. Anders als in der Tiefsee lässt sich hier der tiefste Punkt abschätzen und bietet Sicherheit.

Hier könnt ihr die beiden auch musikalisch kennenlernen:

Teaser Youtube-Video Fliegende Haie
Screenshot Spotify Fliegend Haie

Die Deutsche Angsthilfe hat praktische Hilfen bei Panikattacken durch Erfahrungen von Betroffenen hier zusammengetragen.

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