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Etappenpause mit kurzer Spieleinheit

Einblick in den Alltag einer Wohngruppe in der Jugendhilfe

Janina arbeitet seit mehreren Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe und unterstützt Mut fördern e.V. seit 2020 mit ein paar Wochenstunden. Im folgenden Text teilt sie mit uns ihren Arbeitsalltag, der durch Corona zur Veränderung gezwungen wurde.

Seit nunmehr 6 Jahren arbeite ich in der Kinder- und Jugendhilfe. Ich habe über die Jahre hinweg viele Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 21 Jahren mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten und den damit oft einhergehenden psychischen Krisen und Erkrankungen kennengelernt und begleitet. Diese Lebensgeschichten sind so vielfältig wie das Leben an sich.

Junge Menschen, die sehr früh von ihren Eltern getrennt wurden/werden mussten, da die Eltern, aufgrund psychischer Erkrankungen oder Suchtproblemen, nicht in der Verfassung waren, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen und zu beschützen. Junge Menschen, die auf einer Flucht ihre Eltern verloren und bis heute nach ihnen suchen. Junge Menschen, deren Eltern im Krieg oder auch bei Unfällen umkamen. Junge Menschen, die schon im Kleinkindalter in die Kinder- und Jugendhilfe (KJH) kamen und junge Menschen, die erst als Jugendliche in die KJH kamen. Alle diese unterschiedlichsten jungen Menschen haben eins gemeinsam: die große Belastung, die damit einhergeht, fern der Eltern und Verwandten aufzuwachsen.

Seit 1 ½ Jahren arbeite ich in einer Jugendwohnung, in der zurzeit drei junge Frauen im Alter zwischen 17 und 19 Jahren leben, welche von zwei Betreuerinnen (Ich und meine Kollegin) betreut werden. Die Betreuung gestaltet sich flexibel. Von montags bis freitags gibt es ein Betreuungsangebot. Die Zeiten, in welche diese Betreuung fällt, sind auf die Bedürfnisse der drei Bewohnerinnen angepasst. Dies bedeutet, dass die Betreuung überwiegend nachmittags und abends stattfindet, wenn die Bewohnerinnen nach Schule, Ausbildung oder Praktikum zuhause sind. An den Wochenenden gibt es eine Telefonbereitschaft, welche von uns abgedeckt wird und bei größeren und kleineren Notfällen durch die Bewohnerinnen genutzt wird. Gleichzeitig stehen wir, auch außerhalb der Betreuungszeiten vor Ort, in ständigem Kontakt mit den Mädels.

PSYCHISCHE KRISEN DER BEWOHNERINNEN GEHÖREN ZUM LEBENSALLTAG DER WOHNGRUPPE DAZU

Der Alltag in meiner Arbeit ist von den üblichen Themen wie Schule, Ausbildung, Terminen und Freizeit geprägt. Hinzu kommen die Belastungen durch Traumata, depressive Phasen und Ängste der Bewohnerinnen. Das Thema “Therapie” ist unser ständiger Begleiter. Unser Ansatz ist ein partizipatorischer, der den Bewohnerinnen ein hohes Maß an Selbstbestimmung ermöglicht. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass Jugendliche in dieser Altersspanne nur selten bereit sind, sich von professionellen Therapierenden unterstützen zu lassen. Somit bleibt der Umgang mit psychischen Problemen und Krisen zumeist in der Jugendwohnung. Durch sehr enge Beziehungsarbeit, unendlich viele, regelmäßige und lange Gespräche versuchen wir die Mädels “im Blick zu behalten”. Von uns ist ein sehr sensibles und empathisches Gespür für kleinste Veränderungen im Verhalten oder der Stimmungslage gefragt.

bunte Vögel vor grauen Wolken

Eine Gruppe von Metallvögeln am Deich in Niedersachsen.

Etappenpause mit kurzer Spieleinheit

Während einer Pause mit Interviews auf einem Bauernhof wechselt Teilnehmerin Merle vom Tandem zu einem anderen Gefährt und lässt das Kind in sich aufleben.

CORONA VERÄNDERTE VIELES

Wie für alle Menschen in Deutschland und auf der Welt kam es im März 2020 dazu, dass sich in meiner Jugendwohnung vieles veränderte. Von heute auf morgen gab es keine Alltagsstruktur mehr bei meinen Mädels und in meiner Arbeit. Ein geregelter Tages- oder wenigstens Wochenablauf ging verloren. Zwei meiner Mädels gingen ins Home-Schooling, was anfangs bedeutete, dass sie einfach zu Hause saßen und nichts zu tun hatten. Die dritte ging ins Home-Office und arbeitete von Zuhause aus. Wir Betreuerinnen wussten anfangs nicht, wie wir mit dieser Veränderung umgehen sollten und was von uns und unserer Arbeit nun erwartet wurde.

Bei den zwei Mädels, die nun im “Home-Schooling” waren, stand dieses Jahr der Schulabschluss an. Eine völlige Überforderung machte sich breit. Würde es Prüfungen geben? Wie würde die Schulzeit bis dahin aussehen? Wie lernen? Hinzu kamen die Kontaktbeschränkungen und auch Besuche bei der Familie wurden vollends untersagt. Treffen mit Freund*innen durften nicht mehr stattfinden und selbst zum Einkaufen ging es nur noch ein Mal in der Woche. Frust und Langeweile machten sich breit und wir als Betreuerinnen kämpften darum, eine völlige emotionale Überforderung der Mädels abzuwenden. Wir organisierten Treffen mit den Familien an der frischen Luft, welche nur unter unserer Beobachtung stattfinden durften, damit sich die Familienmitglieder nicht zu nahe kamen und kein körperlicher Kontakt stattfand. Wir überlegten uns geeignete “Beschäftigungsmaßnahmen” wie Haare färben, basteln oder einfach nur spazieren gehen. Das Highlight in diesen Wochen war der wöchentliche Einkauf, bei dem alle mal kurz aus ihrem Trott rauskommen konnten.

ES KAM STRUKTUR AUF

Mit den Wochen organisierten sich die Schulen langsam, es gab erste Versuche des Online-Unterrichts oder es wurden zumindest Lernmaterialien zugesandt. Vormittags war nun “Schulzeit”, am Nachmittag gingen die “Beschäftigungsmaßnahmen” weiter. Das Ganze half, eine annähernde Struktur wieder aufzubauen, doch die Kontaktbeschränkungen und das Eingesperrtsein nagte an der Psyche der Mädels. Fast täglich gab es emotionale Zusammenbrüche, mit denen wir versuchten umzugehen und die wir, sofern möglich, auch auffingen. Besonders bei einem unserer Mädels wurde es immer schlimmer, sie war von kleinsten Aufgaben, z.B. Zimmer aufräumen, komplett überfordert. Die anderen beiden gewöhnten sich immer mehr an die Umstände und fingen an, sich damit zu arrangieren.

CORONA BEWIRKT BEI DEN BEWOHNERINNEN AUCH POSITIVES

So schwierig die Zeit im letzten und auch in diesem Jahr war, hatte Corona auch positive Auswirkungen auf meine Jugendwohnung. Die Mädels wuchsen zu einer Familie zusammen. Es entstanden enge emotionale Verbindungen und der Halt, den sie sich gegenseitig geben konnten, bewirkte, dass eine gewisse Stabilität hergestellt werden konnte. Die Mädels ersetzten sich gegenseitig die Familien und bewirkten somit, dass ein Wohlbefinden und Zusammenleben stattfinden konnte. Auch die Überforderung der Mädels wich durch diese neue Verlässlichkeit einem positiv-selbstbestärkenden Gefühl.

Durch die gegenseitige Unterstützung schafften beide Mädels, ihre Schulabschlüsse zu machen und in eine Ausbildung bzw. auf eine weiterführende Schule zu gehen. Emotional stabilisierten sie sich immer mehr. Eins meiner Mädels ist mittlerweile eine große Verfechterin des Home-Schoolings und hofft, dass sie bis zu ihrem zweiten Abschluss nie wieder in den Präsenzunterricht zurück muss. Die Chancen dafür stehen derzeit gut.

AUCH 2021 PRÄGTE CORONA IMMER NOCH DEN ALLTAG DER JUGENDWOHNGRUPPE, DOCH NUN BEGEGNEN UNSERE BEWOHNERINNEN IHM MIT EINER NEUEN STÄRKE, DIE SIE AUCH FÜR DIE ZUKUNFT NUTZEN WERDEN

Mittlerweile gibt es wieder eine Struktur in unserer Arbeit und es ist fast zur Normalität geworden, unter den jetzigen Umständen zu arbeiten und zusammen zu leben. Schnell- und Selbsttests ermöglichen nun wieder den regelmäßigen Besuch bei den Familien und das Lernen zuhause klappt gut. Die drei Mädels sind an den Herausforderungen, die Corona mit sich brachte, gewachsen, haben neue Kompetenzen erworben und sind mittlerweile emotional stabiler als zuvor. Sie haben viel Eigenverantwortung und Verantwortung den anderen gegenüber übernommen und haben einen riesigen Sprung in Richtung Selbstständigkeit gemacht. Sie blicken alle drei (überwiegend) positiv in die Zukunft und sind sich sicher, dass sie ihre Ziele erreichen werden. Wenn man so viel unter den Bedingungen des vergangenen Jahres erreicht hat, dann wird man die gewonnene Stärke daraus bestimmt auch in der Zukunft einsetzen können.