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MT20 letzter Wanertag im Zeichen der Entstigmatisierung von Depression

Wanderetappe mit Pferden

Zu Fuß und in Begleitung mit Pferden für mehr Offenheit im Umgang mit Depression

Wie bei so vielen anderen Organisationen und Menschen auch, hat Corona bei der MUT-TOUR die alljährlichen Aktivitäten auf den Kopf gestellt. So haben wir als Projektleitungsteam gemeinsam mit unseren Teilnehmenden beschlossen, die MUT-TOUR nicht wie gewohnt mit zehn Tandem-Etappen durch Deutschland laufen zu lassen, sondern nur mit zwei corona-konformen Etappen (eine Einzelrad-Etappe & ein Wanderetappe) an den Start zu gehen. 

Mein Plan war dabei eigentlich beide Etappen vom Schreibtisch aus zu begleiten und die Voraborganisation der Pressetermine zu übernehmen. Doch wie so vieles in diesem Jahr anders kam, bin ich spontan als Teilnehmerin beim Wanderteam eingesprungen und war gemeinsam mit vier weiteren Personen in einer Rundtour in Nordwest Mecklenburg-Vorpommern zu Fuß unterwegs.

Am 15. August trafen wir uns gemeinsam als Team, die von nun an eine komplette Woche miteinander wandern sollten, bei unserer Tourleiterin und Pferdebesitzerin Gunta in Klein Hundorf. Das Besondere daran war, dass Gunta fern des städtischen aufgewirbelten Lebens mitten in der Natur mit ihrer Familie in einer solidarischen Dorfgemeinschaft von circa 30 Menschen lebt. Verwunschene Gärten, kreative Bauwagen, herum pickende Hühner und Menschen, die gemeinsam eine alternative Lebensform wagen, prägten diesen natur-idyllischen Ort, allerdings konnten wir diesen Ort auch bei besten Sonnenschein besuchen. Wahrscheinlich hätte es keinen passenderen Ort als Startpunkt für diese Wanderetappe geben können. 

Es folgten 6 Tage, an denen wir in Begleitung von den beiden Kaltblütern Wulkan und Kliwia, die einen Teil unserer Ausrüstung (Zelte, Isomatten, Campinggeschirr und co.) trugen, circa 20 Tageskilometer zurück legten. Dabei muss erwähnt werden, dass das Tragen von Ausrüstung für die beiden keine Belastung darstellt, da sie es gewöhnt sind, große Lasten im Zuge von Arbeiten in der Landwirtschaft zu ziehen. Am Ende kamen ganze 140 Kilometer zusammen. Die Gegend zwischen Gadebusch und Schwerin zeigte sich von einer fast schon mediterranen Seite. Weite, hell strahlende Felder mit Baumalleen, umrandet von blauem Himmel – die Farbkontraste erinnerten fast schon an Zentralspanien. Neben den zwei großen Vierbeinern und uns fünf Menschen, begleitete uns noch Shira, die Hündin unserer zweiten tourleitenden Person Louisa. 

Unsere Rundstrecke führte uns – per analoger Karte wohlgemerkt – von Klein Hundorf über Gadebusch nach Dragun. Am zweiten Tag ging es weiter nach Willigrad am Schweriner See, wo wir eine recht abenteuerliche Strecke durch einen dichten Wald zurücklegten. Der dritte Tag führte uns dann im weiter entlang des Schweriner Sees über weitere Kilometer zum Olgashof, von dem wir am vierten, und gefühlt längsten Tag nach Saunstdorf wanderten. Am vorletzten Tag ging es dann schon wieder zurück Richtung Startpunkt, wo wir in der Nähe von Upahl übernachteten. Der letzte volle Wandertag stand dann, durch unseren singenden Jürgen geprägt, ganz unter dem Motto: “husch husch husch zurück nach Gadebusch”.

Am ersten Tag begleitete uns auch Sebastian von der Projektleitung, um als freischaffender Fotograf noch den einen oder anderen Schnappschuss aufzunehmen. Im Vergleich zu den Fahrradetappen, wo wir für jede Nacht immer wieder spontan mit Menschen ins Gespräch kommen, um einen Platz zu finden, an dem wir unsere Zelte aufschlagen können, waren bei dieser Etappe alle Übernachtungsorte bereits vorgeplant. Doch das machte es nicht weniger spannend, denn Gunta bemühte ihr Netzwerk. Und so kamen wir zum Beispiel bei der Kommune Olgashof unter. Dort lebt eine bunte Gruppe an Menschen von klein bis groß, die herausfinden wollen, ob auch ein anderes Leben in unserer Gesellschaft möglich ist. Neben einer Backstube, von der wir am Aufbruchtag auch noch frisches Brot mitnehmen durften, tummeln sich dort eine hofeigene Tischlerei, eine Architekturwerkstatt und ein Garten, in dem verschiedenstes Gemüse und Obst angebaut wird.
An einem anderen Tag kamen wir in Upahl bei einem jungen Paar unter, die, gemeinsam mit ein paar Woofern, ökologische Landwirtschaft betreiben und gerade einen alten Gutshof ausbauen. Dort konnten wir mit Blick auf deren Gewächshäuser und in Begleitung eines prächtigen Sonnenuntergangs unseren letzten Abend verbringen, bevor es wieder zurück nach Klein Hundorf ging. Daneben erlaubte uns auch der Draguner Bürgermeister unser Lager auf dem Gelände der Freiwilligen Feuerwehr in Seenähe aufzuschlagen. Man sieht also, kein Übernachtungsplatz war wie der andere und jeder Tag ermöglichte für uns als Teilnehmende neue Perspektivwechsel zu erhaschen.

 

MT20 Wanerweg entlang einer Landstraße
MT20 Zelten unter freiem Himmel
MT20 Gunta mit Pferd am Schweriner See
MT20 Klein Hundorf, Bauwagen mit Pferd
MT20 Vorstellung der Wanderroute für mehr Offenheit gegenüber Depression
MT20 Klein Hundorf fertig machen der Pferde, letztes Packen
MT20 Wanderweg nach Dragun

 

Die Tour war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Denn anders als bei unseren gewohnten Tandem-Etappen, waren wir gezwungen, durch unser, im Vergleich reduziertes Wandertempo zu entschleunigen. Unser Schritttempo passte sich über die Tage immer mehr aneinander an und durch das konstante Klackern der Hufen unserer Vierbeiner hatte das Ganze fast eine meditative Wirkung. Es wechselten sich immer mal wieder Phasen ab, in denen wir alle einfach nur in Stille wanderten oder uns intensiv austauschten. Hier kamen auch unsere verschiedenen Erfahrungen mit dem Thema Depression ins Spiel. Ich als Angehörige konnte darüber zum Beispiel neue Einblicke in das Empfinden eines Betroffenen bekommen. Und eigene Erfahrungen wieder neu hinterfragen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie eine Gruppe von sich vorher fremden Menschen, über das gemeinsame Erlebnis und Ziel, von Tag zu Tag stärker zusammenrückt – und dabei ist es egal, aus welchen Lebenskontexten wir kommen oder wie alt wir sind. 

Doch nicht nur die Gespräche untereinander waren wertvoll, auch die Begegnungen mit Menschen am Wegesrand, die uns immer wieder neugierig nach unserer Mission befragten. Bei einigen ploppten dabei selbst Berührungspunkte zu dem Thema auf. So berichtete uns ein Mann, während wir eine kurze Badepause einlegten, von seiner Ehefrau, die vor vielen Jahren an Depression erkrankt ist und erzählte von seinem Umgang damit. Neben den Interviews, die wir geben und wodurch wir viele Hunderte Menschen erreichen, sind es eben auch diese kleinen Gespräche, die am Ende Mut machen und zeigen, dass niemand mit der Erkrankung allein dasteht. Das Gefühl, dass andere Menschen ähnliche Erfahrungen durchleben, wirkt extrem entlastend. Daher lohnt sich der offene Austausch immer wieder. 

Zu guter Letzt möchte ich noch auf die Begegnung mit den Pferden eingehen. Bis auf unsere zwei Tourleiterinnen Gunta und Louisa waren wir anderen nur semi-erfahren im Umgang mit Kaltblütern. Ich muss wirklich sagen, dass ich zu Beginn doch recht großen Respekt vor diesen mächtigen Tieren hatte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass mir einfach nur schlicht die echte Begegnung mit ihnen fehlte. Nach den ersten Annäherungsversuchen und einigen Hinweisen von Gunta, traute ich mich nach dem ersten Tag auch schon Vulkan zu führen. Dabei empfand ich es erstaunlich zu merken, wie sich meine eigene Unsicherheit auf ihn übertrug. Je unsicherer ich ihm den Weg weiste, desto mehr führte er mich an der Nase herum. Nach einer Eingewöhnungs- bzw. Kennenlernphase – denn schließlich darf auch ein Pferd einen eigenen natürlichen Willen besitzen – wurde meine Führung ihm gegenüber jedoch immer klarer und er somit auch stetig ruhiger und wir bewegten uns fast im Gleichschritt. Dies übertrug wiederum eine großartige Ruhe auf mich und das wandern bekam nochmal eine ganze andere Form und Bewusstheit. Vulkan lehrte mich einerseits, ein wenig mehr zur Ruhe zu kommen und mich auf den Moment zu konzentrieren und andererseits klarer in meiner Kommunikation zu werden. 

Am Ende brachte die Tour für uns alle kleine vielfältige Impulse und stärkte uns. Es war eine Woche, an die wir alle sicherlich gerne zurückdenken und dabei erneut feststellen, wie wohltuend die Kombination aus Natur und Gemeinschaft, verbunden mit einer sinnvollen Zielsetzung, auf uns wirkt.

Dieser Beitrag stammt von Franziska, die seit 2018 Mitarbeiterin der Projektleitung der MUT-TOUR ist und auch als Tourleiterin jeden Sommer bei den Tandem-Etappen dabei ist.