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Teilnehmerin Andrea mit zwei kleinen Mitwanderern

Was brauchen Kinder psychisch kranker Eltern?

Im Rahmen der virtuellen MUT-TOUR hat uns ein Text über Kinder psychisch erkrankter Eltern von Spezialisierte ambulante Erziehungshilfen „Seelensteine“  erreicht. Standort dieses Angebots ist die Merseburger Straße 237 in 06130 Halle. Genauere Informationen zum dem Projekt über die Webseite, sowie Tel. 0345 678 37 67 und seelensteine-halle@twsd-sa.de.

 

Was brauchen Kinder psychisch kranker Eltern?

Schätzungsweise leben in Deutschland 3-4 Millionen Kinder mit ihren psychisch kranken Eltern zusammen. Seit Mitte der 90er-Jahre sind Kinder psychisch kranker Eltern unter den Umschreibungen „Kleine vergessene Angehörige“ oder auch „Kleine Helden in Not“ mehr und mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangt.

Familien mit psychisch kranken Elternteilen profitieren von einem frühzeitig einsetzenden, flexiblen sowie passgenauen Hilfesetting, das auf ihre individuelle Situation ausgerichtet ist.

Da eine psychische Erkrankung eines Elternteils die gesamte innerfamiliäre Struktur berührt, bedürfen neben den Kindern und Jugendlichen, die Eltern sowie weitere Bezugspersonen möglichst präventive Unterstützung, die individuell ausgerichtet und längerfristig angelegt ist.

Für Familien mit psychisch kranken Elternteilen bedarf es Hilfen, die sowohl die Bewältigung der spezifischen familiären Belastungen fokussieren, die Entwicklung der Kinder fördern und damit das Kindeswohl sichern, als auch die Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Elternschaft unterstützen (vgl.: Antrag auf Einrichtung einer Sachverständigenkommission „Hilfen für Kinder und Familien mit psychisch kranken Eltern“. Hrsg.: AFET Bundesverband für Erziehungshilfe e.V.S.2). Diese Hilfen müssen sich von Art, Umfang und Zielen her dem jeweiligen Krankheitsbild und seinem Verlauf, der Familiensituation und dem Alter sowie der Belastung der Kinder und dem jeweils aktuellen Hilfebedarf der Eltern wie der Kinder flexibel anpassen (vgl. AGJ, 2010).

Nicht jedes Kind, welches mit einem psychisch erkrankten Elternteil lebt, läuft Gefahr selbst zu erkranken. Das kindliche Störungsrisiko erhöht sich jedoch, wenn es keine Möglichkeit gibt, sich über das „Anderssein“ von Mama oder Papa auszutauschen, unbeschwerte „Auszeiten“ mit Freunden erleben zu können oder altersgerecht und situationsgerecht erklärt zu bekommen nicht Schuld an der Erkrankung zu sein.

Für die Arbeit mit Kindern und ihren psychisch erkrankten Eltern ist es notwendig, die Auswirkung der Erkrankung auf die Erziehungskompetenz sowie die Bewältigung des Alltagslebens und die daraus resultierenden Risiken für die kindliche Entwicklung einschätzen zu können. Eine hohe Flexibilität in der Ausgestaltung der einzelnen Hilfen, Kooperation und Vernetzung mit anderen Leistungserbringern sind erforderlich, um auf den „speziellen“ Unterstützungsbedarf der Familien angemessen reagieren zu können.

Aufbauend auf das von Lenz entwickelte Unterstützungskonzept (vgl. Lenz, 2008) arbeiten sowohl die Seelensteine sowie die Tabu la rasa nach einem lösungs- und ressourcenorientierten Ansatz, der darauf ausgerichtet ist, die Bewältigungs- und Copingstrategien aller Familienmitglieder zu stärken und auszubauen. Darüber hinaus orientieren wir uns an Mattejat etl.al (vgl. Mattejat, Wüthrich & Remschmidt, 2000), der die Art und Weise der familiären Krankheitsbewältigung sowie die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie als zwei wesentliche Ansatzpunkte für die inhaltliche Ausgestaltung der Arbeit mit den Familien, in denen Eltern psychisch erkrankt sind, hervorhebt.

In Bezug auf die Krankheitsbewältigung ist es wichtig, dass die Familie einen offenen und aktiven Umgang mit der Erkrankung erlernt. Hier geht es beispielsweise um Fragen wie: Nimmt auch der gesunde Partner die Erkrankung als eine solche an? Besteht eine ausreichende Krankheitseinsicht auf Seiten des erkrankten Elternteils? Werden Medikamente gewissenhaft eingenommen? Haben Angehörige ein Wissen über die Symptome und möglichen Auswirkungen der Erkrankung?

Zwar ist es durch die Hilfsangebote der spezialisierten Familienhilfe Seelensteine sowie durch die Beratungs- sowie Gruppenangebote der Tabu la rasa möglich, passgenaue Hilfen, die sich je nach Bedarf an Eltern, Kinder oder die Familie insgesamt richten, anzubieten, die zeitlich befristeten Vorgaben der Jugendhilfe stehen jedoch in manchen Fällen einer dauerhaften Stabilisierung des Familiensystems entgegen. Jugendhilfe wird zudem meist erst dann auf die Gruppe der Kinder psychisch kranker Eltern aufmerksam, wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr angemessen versorgen können und es Hinweise auf eine Gefährdung des Kindeswohls gibt oder die Eltern aufgrund der bereits entwickelten Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder selbst Unterstützung suchen. Zudem schaffen es aufgrund der Kommstruktur der Beratungsstelle sowie bestehender Hemmschwellen und Ängste nicht alle Familien von sich aus, auf Angebote der Jugendhilfe zuzugehen. Da psychisch kranke Eltern vielfach denken, dass ihnen das Jugendamt ihre Erziehungskompetenz aufgrund der Erkrankung abspricht und dadurch ein Sorgerechtsentzug droht, werden bestehende Unterstützungsangebote zu selten und oftmals zu spät in Anspruch genommen (vgl. Schone, Wagenblass 2002). Die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe für die betroffenen Kinder und ihre Familien werden erst dann wirksam greifen, wenn sie durch eine systematische Einbeziehung der Kinder als Angehörige flankiert sind (vgl. Lenz 2009). Eine Möglichkeit frühzeitig kooperative Hilfen anzubieten und Kinder als Angehörige wahrzunehmen besteht bspw. darin, dass Jugendhilfe im Kontext der Erwachsenenpsychiatrie offene Kinder- und Familiensprechstunden anbietet. Kinder können so frühzeitig vor Überforderung geschützt werden. Diese Sprechstunde kann neben frühzeitig einsetzenden Familieninterventionen, welche nachweislich die Rezidivrate (Wiederauftreten einer Erkrankuung) senken können (vgl. Beardslee et.al 1997), eine wichtige Brückenfunktion im Sinne einer Vernetzung aller an der Behandlung Beteiligten ermöglichen (vgl. Schaub/ Frank, 2010). Die psychiatrischen Kliniken in Halle und dem Saalekreis sind mittlerweile sensibilisiert für die Belange der Kinder, hier besteht demnach für uns nicht die Hürde, eine solche Sprechstunde im Kliniksetting zu platzieren, vielmehr ist die Finanzierung eines solchen Angebotes – unabhängig von Spendengeldern – eine große Schwierigkeit, die wir noch nicht lösen konnten.

Des weiteren wäre es im Sinne einer flächendeckenden Prävention wichtig, dass jedes betroffene Kind die Chance erhält, an einer psychoeduaktiven Kindergruppe teilzunehmen, um, wie bereits angesprochen, die elterliche Erkrankung „besprechbar“ zu machen und Kindern die Chance zu geben, mit anderen betroffenen Kindern in einen Austausch zu treten. Wissen kann so vermittelt, Schuldgefühle können abgebaut werden. Dies sind zwei wesentliche Bausteine, die es Kindern ermöglichen können, trotz der elterlichen Erkrankung gesund aufzuwachsen.

AFET. Bundesverband für Erziehungshilfe e.V (Hrsg.): Antrag auf Einrichtung einer Sachverständigenkommission „Hilfen für Kinder und Familien mit psychisch kranken Eltern“, 2011, S.2.

Arbeitsgemeinschaft für Kinder – und Jugendhilfe AGJ (Hrsg.): Diskussionspapier der . Stellungnahmen und Positionen. Kinder von psychisch erkrankten und suchtkranken Eltern, Hamburg, 2010

Beardslee, W. R., Versage, E. M., Wright, E. J., Salt, P., Rothberg, P. C., Drezner, K., et al. Examination of preventive interventions for families with depression: Evidence of change. Development and Psychopathology, 1997, S. 109–130

Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Hrsg): Stellungnahme zum Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“, Berlin, 2013

Lenz, A.: Interventionen bei Kindern psychisch kranker Eltern. Grundlagen, Diagnostik und therapeutische Maßnahmen, Hogrefe, 2008

Lenz, A.: Expertise im Rahmen des 13. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung.

Riskante Lebensbedingungen von Kindern psychisch und suchtkranker Eltern – Stärkung ihrer Resilienzressourcen durch Angebote der Jugendhilfe, Hrsg.: Sachverständigenkommission des 13. Kinder- und Jugendberichts, Drucksache 16/12860, 2009

Mattejat, F., Wüthrich, C. & Remschmidt, H.: Kinder psychisch kranker Eltern. Forschungsperspektiven am Beispiel von Kindern depressiver Eltern. Nervenarzt, 2000, 71, 164-172

Schaub, A., Frank, R.: Sprechstunde für Kinder psychisch kranker Eltern, Monatszeitschrift Kinderheilkunde, elektronischer Sonderdruck, 2010

Schone, R./Wagenblass S.: Kinder psychisch kranker Eltern zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie. Weinheim/München, 2002

 

Übersicht zu Deutschlandweiten Angeboten für Kinder von psychisch erkrankten Eltern sowie Informationen zum Thema (https://www.netz-und-boden.de/deutschland/)