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Fluß im Abendlicht

Resilienz – der Anker für die Psyche in Zeiten einer Krise

Bewegen wir uns aktuell in Zeiten der Corona-Pandemie durch leergekaufte Supermarktflure oder erleben auf dem nach-Hause-Weg ehemals belebte Plätze oder Kneipen als verwaist und mit Rollläden oder Absperrband überzogen, so trifft uns die derzeitige Berichterstattung ganz real. Städte verändern sich und mit ihnen auch unser Alltag. Wir müssen Gewohnheiten an sich täglich verändernde Umstände anpassen. Wodurch wir mit einem Gefühl der Unsicherheit aufgrund fehlender Verlässlichkeit konfrontiert werden. Diese Veränderungen gehen nicht spurlos an uns vorbei.

Widerstandsfähigkeit unserer Psyche

In Zeiten wie diesen gewinnt die Resilienz an Bedeutung. Abgeleitet von dem englischen Begriff “resilience”, der mit “Spannkraft” oder “Strapazierfähigkeit” übersetzt werden kann, steht der Begriff, im Zusammenhang mit unserer Gesundheit, für die Widerstandsfähigkeit unserer Psyche im Umgang mit herausfordernden Lebenssituationen. Im Sinne der Resilienz setzen wir unseren Fokus auf unsere individuellen Ressourcen und auf die Frage, wie wir diese für die Bewältigung der Risikosituation nutzen können. Dieser veränderte Blick versucht in Herausforderungen vielmehr Chancen und weniger unlösbare Probleme zu erkennen, und wirkt entlastend.

Die eigene Resilienz kann als eine Art Immunsystem der Psyche betrachtet werden, das unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Dabei jedoch durch verschiedene Faktoren gestärkt werden kann, um somit mit mehr Gelassenheit und mentaler Stärke Stress begegnen zu können. Die Wurzeln unserer Resilienzfähigkeit liegen in fest verankerten Denkmustern, der Lebensweise und unserem sozialen Umfeld. Es gibt einige Methoden, die genau bei diesen drei Feldern ansetzen und uns in krisenhaften Zeiten stärken können. So hilft eine gewisse Akzeptanz, mit der man Veränderungen als Teil eines Lebens betrachtet.

Wird ein positiver Blickwinkel eingenommen, so kann sich dieser zu einem Chancenfinder wandeln, der Mut zum Ausprobieren macht. In diesem Sinne kann in Zeiten, die bspw. wie jetzt durch ein neuartiges Virus wie COVID-19 mit einhergehenden heruntergefahrenem Freizeitangebot und einer Kleinhaltung von sozialen Kontakten geprägt sind, der Fokus wieder verstärkt auf die Entdeckung und Pflege von persönlichen Interessen gelegt werden. Dabei ist es kein Plädoyer dafür, negative Anteile auszublenden, sondern vielmehr dafür, sie als akzeptierbar und im besten Falle überwindbar anzusehen.* 

 

Sich der eigenen Selbstwirksamkeit bewusst werden

Auch das Bewusstmachen der eigenen Selbstwirksamkeit, wirkt förderlich auf die Widerstandsfähigkeit. Jeder Mensch hat ein Mindestmaß an persönlichen Ressourcen, Fähigkeiten und Stärken, um Schwierigkeiten begegnen zu können. Indem wir unsere eigenen Handlungen beobachten und uns an eigene Erfolge erinnern oder Anerkennung von anderen bekommen, stärken wir unsere Überzeugung über unsere individuelle Selbstwirksamkeit. Unterstützungsangebote innerhalb der Nachbarschaft auszuführen oder soziale Kontakte aufgrund des Schutzes von schwächeren Mitmenschen einzudämmen, lässt einen selbst erkennen, das selbst der eigene kleine Beitrag eine Wirkung hat. Somit übernehmen wir über unsere Handlungen Verantwortung.

Über die Bewusstmachung, dass wir unsere Einstellungen und Handlungen gestalten können, werden wir zum Zugführenden unseres Lebens. Dabei ist es förderlich die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu kennen, denen zu vertrauen und sie anzuerkennen; und durch diese Bewusstmachung steigt auch die Fürsorge für das eigene Selbst. Auch die Orientierung an persönlichen Zielen, die sich an den eigenen Werten orientieren und einer Art übergeordneten Sinnkonzept folgen, bietet Struktur und somit Halt.* 

Das soziale Netz als persönlicher Verlässlichkeitsgeber

Dem sozialen Netz kommt eine Ankerfunktion bei herausfordernden Lebenssituationen zu. Nicht nur die tatsächliche Annahme von Hilfe innerhalb des sozialen Umfelds, auch nur die Gewissheit in Not darauf zurückgreifen zu können, schafft eine gewisse Verlässlichkeit und bietet Entlastung. Resiliente Menschen pflegen ihre sozialen Beziehungen und achten dabei oft auf ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Auch die häusliche Isolation kann den Vorteil bringen, sich über digitale Vernetzungsmöglichkeiten oder den alt-bekannten Brief ohne eine Vielzahl an Ablenkungsmöglichkeiten innerhalb seiner sozialen Kontakte aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Die persönliche Resilienz zu stärken, erfolgt demnach viel über die eigene Reflektion mit sich und den Lebensrahmen. Fragen wie “Welche Aufgaben und Rollen erfülle ich täglich?”, “Was sind die positiven und energiesparenden Aspekte darin?”, “Was freut mich persönlich daran?” oder “Was ist mir daran gut gelungen?” helfen dabei. Es ist hierbei auch wichtig die kleinen Dinge des Alltags mit zu beachten und sie nicht als Selbstverständlichkeiten wahrzunehmen. In der konkreten Krisensituation helfen auch Fragen wie “Wie könnte die Situation sonst noch aussehen?” oder “Was kann ich hier und jetzt daraus lernen?”. Fragen wie diese werden in unserem doch eher von Zeit bestimmten Alltag nur unzureichend beantwortet. Die Auseinandersetzung mit diesen, aufgrund der vermehrten Reduzierung aufs Wesentliche und der Beschränkung auf die Häuslichkeit, kann nun als eine Chance in dem Krisenkarussell Corona gesehen werden und uns am Ende gestärkter nach vorne blicken lassen. 

*Dieses setzt natürlich einen gewissen Grad an Stabilität voraus. Menschen mit mittelschweren bis schweren Depressionen bleibt die Einnahme derartiger Blickwinkel leider meist verwehrt bzw. wird dieser erst mit erfolgreicher Eingliederung in das psychosoziale Hilfesystem möglich 

Grundinformationen aus Barmer (2017): Resilienz – die psychische Widerstandskraft